Der Zerstörung, die nicht immer offensichtlich ist, sind sie alle ausgesetzt. Die Literatur der Deutschen als ein Schlachtfeld – auch das wäre eine Weise, Karoline von Günderrode zu betrachten. Dichter sind, das ist keine Klage, zu Opfern und Selbstopfern prädestiniert.

Christa Wolf in ihrem Essay über die romantische Dichterin Karoline von Günderrode (1780 bis 1806), der jetzt, zusammen mit Gedichten und Briefen der Dichterin, die sich selbst den Tod gab, auch in der Bundesrepublik erscheint.

Eduard Bargheer

1925 ist er, mit einem Reisestipendium, zum erstenmal nach Italien gekommen, der Hamburger Eduard Bargheer, 1901 auf der Elbinsel Finkenwerder geboren und seit vierzig Jahren auf Ischia, der Mittelmeerinsel, ansässig. Bargheer hat das halbe Leben in Italien verbracht, nur im Winter ist er nach Blankenese in seine Fischerkate gegangen. Zwischen diesen Polen bewegte sich seine Malerei: die farbig gedämpfte, zurückgenommene norddeutsche Landschaft und die leuchtenden Ischia-Bilder, mit den Fischerbooten, den Prozessionen und immer wieder der „südlichen Stadt“, diesen hellen farbigen Kuben, die mit einem erstaunlichen Sinn für die Nuance zusammengebaut waren und etwas in der Kunst der fünfziger und sechziger Jahre höchst Seltenes ergaben: die natürliche und selbstverständliche Verbindung eines abstrakten Ordnungsprinzips mit sinnlicher Anschauung, mit einer genauen Ortsbeschreibung. Forio hat den Maler, der die Stadt in der Kunstgeschichte etabliert hat, zum Ehrenbürger ernannt. Bargheer seinerseits, ein intelligenter Maler, war sich der Gefahr bewußt, „im Glück der einmal gefundenen Formel zu beharren“. Er hat seinen Themenkreis ausgeweitet, geographisch nach Afrika, in der Technik auf das Mosaik: das größte hat er für das Niedersachsen-Stadion in Hannover entworfen. Am letzten Sonntag, einen Tag bevor er die Reise nach Ischia antreten wollte, ist er in Hamburg gestorben. Eine große Bargheer-Monographie mit dem ersten kompletten Katalog der Gemälde wird im Herbst erscheinen.

Welt-Ei-Fest

Wollen Sie dabeisein, wenn die Zukunft ausgebrütet wird? Auf zum „Welt-Ei-Fest“ vom 6. bis 8. Juli in Sulzbach-Rosenberg. Der Flecken im Fränkischen, 60 Kilometer von Nürnberg, ist auf dem Weg, eine der literarischen Hauptstädte Europas zu werden, seitdem der Schriftsteller und in Berlin lehrende Literatur-Professor Walter Höllerer das Alte Amtsgericht seiner Geburtsstadt zu einem Literaturarchiv gemacht hat. Zur Eröffnung kamen im letzten Jahr Günter Grass und Herbert Heckmann nicht nur mit Manuskripten, sondern auch mit Rezepten und kochten ihren Kollegen deftige Suppen. Jetzt hat’s Höllerer, nach seinem ersten Bühnenstück „Alle Vögel alle“, das zur Uraufführung noch frei ist, mit dem (Welt-)Ei. Das „Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg“ zeigt die Ausstellung „25 Jahre ‚Akzente‘“, mit der die Literaturzeitschrift geehrt wird. Daneben gibt es die Uraufführung des großen Vogel- und Gespenster-Films des Literarischen Colloquiums Berlin, dessen Produktion sechs Jahre gedauert hat, und viele andere Aktivitäten. Hier muß/darf jeder auch nicht nur Konsument, sondern auch Produzent sein: Jeder Gast ist eingeladen, „in fünf Sätzen oder fünf kürzeren Sätzen zu erklären, wie die Welt, der eigenen Vorstellung nach, sein sollte, damit sie so wäre, wie sie bestenfalls sein könnte“.

Gedenkblatt für Ernst Fischer

Mit sechs Jahren erteilte er seine erste Belehrung, indem er Erziehung und Mythengläubigkeit gegen Erzieher und Mythenüberlieferer wendete: Zu Weihnachten legte der Wiener Offizierssohn seinem Vater einen Brief auf den Schreibtisch: „Wenn Du zu Deinen Kindern nicht freundlicher bist, werde ich Dich strafen. Das Christkind.“ Mit sechzig Jahren erhielt der marxistische Kulturkritiker und Essayist von Thomas Mann, dessen „Faustus“ eine seiner eindringlichsten Studien gewidmet ist, diese Laudatio: „...ich freue mich des Umgangs mit einem so feinen und starken, von menschheitlichem Gefühl bewegten und erwärmten Verstand.“ Erich Fried hat ihm seinen Gedichtband „Überlegungen“ gewidmet; Vortragsreisen haben ihn um die halbe Welt geführt. Seine Bücher sind in Österreich, in der DDR, in der Bundesrepublik und in vielen Übersetzungen erschienen – doch in der DDR war der neben Bloch, Mayer und Lukács interessanteste Interpret einer materialistischen Ästhetik bald kein gern gesehener Autor mehr. Fischers „Teilnahme“ am tschechoslowakischen Modell des demokratischen Sozialismus, war total; wie seine Verzweiflung über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten. Seine Desillusion war nun perfekt. Sein letztes, unvollendetes Buch, der zweite Band seiner Lebenserinnerungen (er starb am 31. Juli 1972 mitten in der Arbeit am Manuskript) heißt bezeichnenderweise „Das Ende einer Illusion“. Es ist sein Testament: Am 3. Juli wäre Ernst Fischer achtzig Jahre alt geworden.