Ruth Herrmann über Ernst Albrechts Vietnamesen in Niedersachsen

Seit 1978 hat die Bundesrepublik 3438 Indochina-Flüchtlinge, die meisten aus Südvietnam, aufgenommen: Das sind nur ein Prozent aus der großen Schar jener Menschen, die ihrer politischen Überzeugungen oder ethnischen Herkunft wegen in den letzten fünf Jahren von den neuen kommunistischen Herrschern zumal Vietnams vertrieben worden sind.

Die traurige TV-Saga der Hai Hang, eines abwrackreifen Frachters mit 2500 Vietnamflüchtlingen an Bord, hatte kurz vor Weihnachten 1978 den niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht bewegt, 1000 der hilflosen Passagiere in seinem Land aufzunehmen.

Nach einigen Monaten in Auffangheimen leben 852 Vietnamesen, in der Mehrzahl Angehörige der chinesischen Minderheit ihres Landes, heute in Gruppen verteilt in kleineren Gemeinden und Städten Niedersachsens. Die restlichen 148 Flüchtlinge sollen im September eigene Wohnungen erhalten. Die Hilfsmaßnahmen haben das Land bisher 8 Millionen Mark gekostet. Doch hinter den Zahlen stecken die Leistungen der Gemeinden, die nicht statistisch erfaßbar sind.

Da ist zum Beispiel Westerstede im Ammerland zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven (17 000 Einwohner), Westerstedes Bürgermeister hatte sich bereit erklärt, 20 bis 30 chinesische Vietnamflüchtlinge unterzubringen. Doch einen – notwendigen – Dolmetscher wollte die Regierung erst für 50 Flüchtlinge bereitstellen. So wurden es denn neun Familien – 49 Menschen –, die Ende April in Westerstede ankamen. Ein vom Land angestellter Übersetzer, Dr. Van-Thinh Nguyen, ehemals tätig an der südvietnamesischen Botschaft in Bonn, zog ebenfalls in die Kleinstadt um und erweist sich, heute als unentbehrlicher Helfer, denn keiner der Fremden beherrscht wirklich Englisch oder Französisch, geschweige denn Deutsch.

Die 27 Erwachsenen, 19 Schul- und Berufsschulpflichtigen, dazu drei Kleinkinder, haben außer ihrer Erleichterung, gelandet zu sein, nichts mitgebracht.

Die Hauptlast der so entstandenen, zusätzlichen Arbeit, angefangen von der Wohnungsbeschaffung und -ausstattung bis zur Erledigung alltäglich neu auftretender Sorgen und Wünsche der Vietnamesen, trägt der Leiter des städtischen Sozialamtes, Herr Engels. Er ist ein alter Westersteder, und so kommt ihm zugute, daß er jeden und jeder ihn kennt. Das fördert die Bereitschaft seiner Mitbürger, selber aktiv zu helfen.

Sein Aufruf, Wäsche und Möbel zu spenden, war erfolgreich; die Bürger von Westerstede zeigten eine nicht unfreundliche Einstellung zu ihren exotischen Gästen. Ihre Kinder spielen mit den zierlichen, schwarzhaarigen Kleinen aus der tropischen Ferne und die Hausfrauen helfen den Frauen bei jenen in Fernost zwar unbekannten, hierzulande aber hochwichtigen Dingen – dem Anbringen von Gardinen.

Drei vietnamesische Familien leben in guten Altbauwohnungen, die übrigen haben Reihenhäuser und Wohnungen mit allem Komfort in einem Neubaugebiet bezogen. Kühlschränke sind selbstverständlich, und wer eine Waschmaschine braucht, bekommt eine. Die Mieten – zwischen 350 und 450 Mark – behält die Stadt von der Sozialhilfe ein. Einer Familie mit sechs Personen bleiben dann rund 1200 Mark zum Leben. Einmalig 1000 Mark extra, aus einer Sonderspende, bekommt jede Familie demnächst aus Hannover.

Selber Geld verdienen darf vorläufig noch keiner der Vietnamesen; denn vor die Arbeit haben die Behörden das Lernen gesetzt. „Sieben Tage nach Ankunft hat der Deutschunterricht zu beginnen“, hatte die Regierung in Hannover bestimmt. Neunhundert Deutschstunden sind Pflicht.

Seit dem J. Mai sitzen in der Kreisvolkshochschule die Erwachsenen von acht bis 13 Uhr auf der Schulbank. Zumal die jüngeren, die möglichst bald verdienen wollen, lernen eifrig. Die Älteren und Alten aber bemühen sich gar nicht erst; sie sitzen gähnend in den hinteren Reihen die Stunden ab. So führen sie dem Lehrer vor, daß sich für sie das Lernen erübrige, da sie sowieso – nach fernöstlicher Sitte – von ihren Kindern ernährt werden würden.

Die Schulpflichtigen unter den Vietnamesen gehen in die regulären Schulen – auf die Klassen verteilt nach Können, nicht nach ihrem Alter.

„An alles hat der Dr. Albrecht in Hannover gedacht, nur nicht an die Kinder“, höre ich in Westerstede. Als dekretiert wurde, der Unterricht für die Eltern habe sieben Tage nach ihrer Ankunft anzufangen, fragte man sich in Westerstede, wo denn unterdessen die kleinen Kinder bleiben sollten. Irgendwie wurde es dann zuwege gebracht, daß sie in Kindergärten kamen. Vergessen hat die Regierung auch, daß für die Schulkinder Lehrer fehlten. Inzwischen sind zwei zusätzliche Lehrkräfte bewilligt worden.

Schwierigkeiten ohne Zahl sind gleichwohl geblieben, und ohne die Initiative einzelner können sie niemals bewältigt werden.

Da traf es sich zum Beispiel gut, daß die Sonderschullehrerin Berkenbrink eine Tante in Leipzig hat, die ihr Sesam-Bonbons mit der Aufschrift „Made in Vietnam“ geschickt hatte. Die Lehrerin: „Ich dachte mir, daß auf dem gleichen Wege wie die Bonbons vielleicht auch ein deutschchinesisches Wörterbuch zu beschaffen sei. Ein Wörterbuch ist doch wohl das mindeste, was wir für den Unterricht brauchen.“ (Sie bekam es, und sie kann also für die, die lesen können, ein deutsches Wort aufschlagen und auf die chinesischen Schriftzeichen zeigen.) Doch insgesamt gleicht der Versuch, die fremden Kinder zu unterrichten, gewiß noch lange dem Wasserschöpfen mit einem Sieb.

Manches aber stimmt schon hoffnungsvoll.

An der Tür ihres Westersteder Reihenhauses begrüßt mich Frau Huynh mit: „Wie geht es Ihnen?“ Sie hat vier Kinder. Ihr Ältester, neun Jahre alt, müht sich gerade damit ab, die Namen seiner Familie und der Nachbarsfamilien (alle drei- bis vierteilig und für ihn in lateinischen Buchstaben nicht einfach) für die Haustüren auf einem kleinen Prägeapparat einzudrücken. Es gelingt leidlich. Seine Mutter zeigt mir ihr Schulheft mit Vokabeln und Redensarten, Links Deutsch, rechts, doppelt bis dreimal so lang, dasselbe in chinesischer Schrift.

Frau Huynh wird es in Deutschland wohl schaffen – bis zum Dezember sollen die Erwachsenen ihre neunhundert Deutschstunden absolviert haben. Dann muß das Sozialamt für 27 Vietnamesen – unter ihnen 14 Frauen – Arbeitsplätze finden.

„Da gibt es Probleme“, fürchtet Amtsleiter Engels schon jetzt. „Was mache ich zum Beispiel mit den Studentinnen und Abiturientinnen? Angemessene Tätigkeiten können sie kaum finden. Erst einmal in die Textilfabrik im Nachbarort?“

Noch aber sind die neunundvierzig in Westerstede zufrieden und wohlgemut, Hauptsache gerettet, gelandet.

Materiell und gesundheitlich werden sie versorgt sein. Doch zwischen Heimat und Zuflucht liegt ein himmelweiter Unterschied – dieses Land ist nicht für sie gemacht. Deutschland bleibt für Vietnams boat-people von 1978 ein Rettungsboot auf festem Boden, mehr nicht.