Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

War was? Schon am Morgen nach der heroischen Kandidatenschlacht in der Unionsfraktion regierte in Bonn wieder die schiere parlamentarische Normalität. Noch etwas grau saß Helmut Kohl bei der Verjährungsdebatte im Plenum, und noch etwas gelichtet waren die Reihen der CSU – Folge der Landesgruppensitzung und des Umtrunks, zu dem sie sich nach gewonnener Bataille in der Nacht zum Dienstag in der bayerischen Landesvertretung versammelt hatte. Aber auch dort war es eher gedämpft zugegangen, folgsam nach der sofort ausgegebenen Parole: nur kein überschäumender Triumph. Und wer Kohl im Kreise seiner Getreuen nach der Entscheidung aus dem Bundeshaus gehen sah, dem verriet die Haltung des CDU-Vorsitzenden eine Mischung aus Erschöpfung, Gelassenheit und Resignation: Es hat halt sollen sein.

Die Stunde der Wahrheit, die Franz Josef Strauß hieß, hatte am Montagabend kurz nach 22 Uhr geschlagen, als die Lautsprecher in den Bundeshausfluren alle Unionsabgeordneten dröhnend aufforderten, wieder in den Fraktionssaal zurückzukehren. Schon waren im unmittelbar angrenzenden Raum, in dem der Fraktionsvorstand zu beraten pflegt, alle Wahl Vorkehrungen getroffen; durch eine Verbindungstür können die christlich-demokratischen und christlichsozialen Parlamentarier, unbehelligt von der Phalanx der Journalisten, von einem in den anderen Saal gehen. Nur von draußen, von der Straße her, ließ sich Einblick gewinnen. Da waren, hinter einem Vorhang wie Schemen, die Kombattanten zu sehen, wie sie, namentlich aufgerufen, hinter einem Stapel aus Pappkartons als provisorischer Wahlkabine ihr Kreuz machten, für Ernst Albrecht oder für Strauß. Mann für Mann, 237 an der Zahl, zogen sie da lang: ein Passionsweg der Union.

In jenem Augenblick bestand freilich schon gar kein Zweifel mehr, daß Strauß siegen würde. Vielmehr hatte die CSU Mühe, in der Schlußphase der Diskussion einige Übereifrige zu bremsen, die ihrem Strauß noch mehr rhetorische Girlanden winden wollten. Da gebe es immer welche, schimpfte der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel, die das Weihwasser noch heiliger machen wollten. Nach sechs Stunden Debatte und 92 Rednern, ein absoluter Unionsrekord, war alles gesagt; was einzig interessierte, war nur noch das genaue Kräfteverhältnis, abzulesen am Stimmergebnis. Es wurde beinahe ein Resultat, wie es die CSU in bayerischen Wahlen zu erzielen gewohnt ist: 56,9 Prozent für Strauß.

Dennoch: Vor dieser Debatte hätte wohl kaum jemand gewagt, ein solches Ergebnis vorherzusagen. Fest stand nur, daß die Fraktion das Gesetz des Handelns an sich ziehen würde – überdrüssig des endlosen taktischen Geschiebes zwischen den Führungsspitzen der CDU und CSU und in der gemeinsamen Strategiekommission, gemartert von der immer peinlicheren Konfrontation mit den Anhängern und Wählern an der Basis und auf keinen Fall willens, diese Bürde womöglich noch eine lange Sommerpause hindurch ertragen zu müssen. Helmut Kohl, der die Fraktion zunächst nur hatte informieren und dann „irgendwie beteiligen“ wollen, besaß keine Chance mehr, die Debatte noch aufzuhalten.

Quälender Beginn