Es gibt in der deutschen Literatur ein paar Texte, die mit den ersten Sätzen jedes historisierende Interesse von sich abschütteln und den Leser sogleich wie eine innere Stimme ansprechen: Goethes „Werther“, einige Prosastücke von Kleist, Kafkas „Rede an eine Akademie“, BüchnersLenz“. Der Hinweis, daß es sich um Meisterwerke handelt, erklärt hier nichts, wirkt eher wie eine Abwehr, eine hilflose Reverenz; als wollten die Nachgeborenen sich so gegen die monströse Nähe dieser Texte verteidigen und sie durch Verehrung in ihre historischen Grenzen weisen.

Sicherlich läßt sich über die Sprachlosigkeit, die Büchners „Lenz“-Erzählung hinterläßt, kommunizieren, indem man Büchners Arbeitsweise untersucht: seinen Umgang mit der historischen Vorlage, seine Erzähltechnik, die Sprachbewegung. Aber der Vorgang des Untersuchens verändert und verletzt in diesem Fall seinen Gegenstand so stark, daß dieser darüber fast unsichtbar wird. Über Goethes „Wahlverwandtschaften“, über Grass’ „Butt“ läßt sich literaturwissenschaftlich debattieren, weil diesen Werken ein Kunstwille, ein ästhetisches Kalkül vorausgeht. Büchners „Lenz“ ist dagegen nahezu kunstlos, ohne Technik geschrieben, fast möchte man sagen: unbeherrscht. Die Anstrengung des Autors, eine Sprache zu „beherrschen“, einen Stoff zu „meistern“ ist diesem Text nicht anzumerken. Vielmehr ist darin eine einzige innere Bewegung ganz mittellos, gleichsam ohne Energieverlust, in eine Sprachbewegung übersetzt. Solche Texte kommen nur unter extremen Druckverhältnissen zustande, und ich glaube, sie bleiben, eben weil der Herstellungsvorgang darin kaum Spuren hinterlassen hat, unwiederholbar, Ausnahmen auch im Werk der Meister.

Büchners „Lenz“ beschreibt eine Fluchtbewegung, und auf der Flucht hat er sie verfaßt: nachdem das Komplott in Hessen verraten, die Mehrzahl seiner politischen Freunde verhaftet, die Hoffnung auf eine Revolution in Deutschland zerschlagen war. Am 9. März 1835 floh Büchner nach Straßburg, am 13. Juni war der Steckbrief gegen ihn heraus. Gesucht wurde ein einundzwanzigjähriger Student der Medizin, blond und mit „sehr gewölbter. Stirn“, wegen seiner „Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen“. Der Grund: die Abfassung eines Flugblatts, das zum gewaltsamen Aufstand in Hessen aufrief, und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung namens „Gesellschaft für Menschenrechte“. Die Amtshilfe, die der Untersuchungsrichter Georgi von in- und ausländischen Behörden erbat, funktionierte damals, im Zeitalter der deutschen Kleinstaaterei, nur schlecht. Dennoch hatte Büchner, vor allem beim Besuch des Prinzen Emil in Straßburg, Ursache, seine Auslieferung zu befürchten. Der Steckbrief – die einzige Ehrung, die Büchner zu Lebzeiten erfuhr – und sein Status als politisch Verfolgter haben ihn freilich nicht von einer kaltblütigen Analyse der entstandenen Lage abgehalten. „Ich würde dir das nicht sagen“, schreibt er im Juli 1835 an den Bruder Wilhelm, „wenn ich im entferntesten jetzt an die Möglichkeit einer politischen Umwälzung glauben könnte. Ich habe mich seit einem halben Jahr vollkommen überzeugt, daß nichts zu tun ist und daß jeder, der im Augenblick sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt.“

Die niederschmetternde Erfahrung mit dem „Hessischen Landboten“, die Beschäftigung mit der Tragödie der französischen Revolution unter dem Eindruck dieser Erfahrung – im Frühjahr desselben Jahres hatte Büchner „Dantons Tod“ geschrieben – das Schicksal der Freunde, die sich nicht hatten retten können, der ungewisse Wartezustand in Straßburg, die Überzeugung, daß nichts zu tun sei, dies alles brachte Büchner die Gestalt eines anderen Flüchtlings nahe, der sich ein halbes Jahrhundert zuvor in Straßburg aufgehalten hatte: Jakob Michael Reinhold Lenz. Büchner, radikaler in seiner politischen Überzeugung als Lenz und kühner in ihrer praktischen Exekution, hat in dem Sturm-und-Drang-Dichter eine Verwandtschaft gespürt, die Karl Marx später in seiner „Vorrede zur Hegeischen Rechtsphilosophie“ auf den Begriff gebracht hat. Über Büchners wie über Lenz’ politischem Programm steht das geschichtliche Urteil: zu früh. J. M. R. Lenz entdeckte die Widersprüche zwischen den niederen Ständen und den gebildeten Klassen für die Literatur zu einer Zeit, da Goethe und Schiller die Emanzipation des Bürgertums vom Feudalismus literarisch vorbereiteten. Fünfzig Jahre später drang Georg Büchner auf die praktische Auflösung des Gegensatzes zwischen „Armen und Reichen“ zu einer Zeit, da in den „untersetzten deutschen Verhältnissen“ nicht einmal eine bürgerliche Revolution bevorstand. Erst ein knappes Jahrhundert später fanden deren Ziele Eingang in eine deutsche Verfassung – das Ergebnis nicht etwa einer siegreichen Revolution, sondern eines verlorenen Weltkrieges. Anders als Goethe, der mit einem soliden Sinn für Macht ausgestattet war, waren Büchner und Lenz weder bereit noch fähig, soziale Widersprüche aus der Wahrnehmung auszugrenzen, weil ihre Aufhebung noch nicht an der Zeit war. Beide waren sie „ihrer Zeit weit voraus“, wie die Späteren gern anerkennen, freilich ohne den Preis zu nennen, den diese Zufrühgekommenen zu Lebzeiten zahlten: Verhaftung, Verbannung, Flucht in den Wahnsinn.

Halten wir fest: bei Büchner wie bei Lenz zuerst ein politischer und geistiger Ausbruchversuch, und dies in einer wahnsinnigen, heute vielleicht nur von einem deutschen Terroristen nachvollziehbaren Isolation; beide erleben dann das Scheitern dieses Versuchs, den Abprall ihrer Utopien an den steinernen Verhältnissen, Flucht. Den Prozeß einer inneren Versteinerung und Vereisung, den eine so radikale Zurückweisung durch die Wirklichkeit in Gang setzt und den der historische Lenz wehrlos erlitt, hat Büchner mit seiner „Lenz“-Erzählung evoziert. „Die Welt, die er hatte nutzen wollen, hatte einen ungeheuren Riß; er hatte keinen Haß, keine Liebe, keine Hoffnung – eine schreckliche Leere, und doch eine folternde Unruhe, sie auszufüllen. Er hatte nichts.“

J. M. R. Lenz, selber ein Pfarrerssohn, hatte bei Pfarrer Oberlin im Elsaß Zuflucht gefunden. Oberlins Aufzeichnungen über Lenz’ Aufenthalt in Waldbach, den Ausbruch und Verlauf seiner Krankheit bis zum gewaltsamen Abtransport nach Straßburg kamen Büchner im Sommer 1835 vor Augen. Wie schon im „Hessischen Landboten“, in „Dantons Tod“ und später im „Woyzeck“ bildet ein historisches Dokument die Grundlage. Die Genauigkeit und Schönheit der Vorlage ist über Büchners Erzählung fast vergessen worden. Zu Unrecht: Büchner selbst zögerte nicht, Oberlins Bericht überall dort wortwörtlich zu übernehmen, wo ihm die Arbeit schon gemacht schien; er hat abgeschrieben, gestrichen und hinzugefügt. Die Literaturwissenschaft hat sich vor allem um die Textstellen gekümmert, die Büchner hinzugefügt hat. Für Büchners Arbeitsweise womöglich bezeichnender ist, was und wieviel er von Oberlins Text stehen gelassen hat.

Büchner verstand sich nicht als Schöpfer, ihm ging es nicht ums Erfinden, den Originalton, eher um so etwas wie Versenkung: „Man versuche es einmal“, läßt er Lenz sagen, „und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieda – in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel“. De Bescheidenheit vor der Natur, vor dem Geschaffenen, vor dem Rohmaterial, die sein Lenz fordert – „ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist“ – hat Büchner gegenüber Oberlins Vorlage walten lassen. Freilich hat er sie mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er sie benutzt, auf ihren stofflichen Kern reduziert. Überall dort, wo Oberlin Lenz’ Handlungen bewertet, sie diagnostiziert, ableitet, ist Büchner dem Pfarrer ins Wort gefallen. Die Position des mitfühlenden und erschreckten, aber immer außenstehenden Beobachters gibt er auf und macht Lenz’ springende, atomisierte Wahrnehmung zum Antriebsmoment der Sprache, die diesen Zustand beschreibt. Auf weite Strecken liest sich der Text, als sei er von Lenz’ Wahnsinn angesteckt: kurze, parataktische Sätze, die für ein „obgleich“ oder „weil“ oder „und“ keinen Atem lassen, oft nur noch Bewegungen und Tätigkeiten ausdrücken, deren Richtung oder Objekt nicht mehr genannt wird. Dabei spart Büchner weder mit Zeit- noch mit Ortsangaben. Er läßt es nicht offen, daß das Gebirge, das Lenz durchreitet, die Vogesen sind, das Dorf, in dem Lenz Zuflucht findet, wird beim Namen genannt, seine Zeitgenossen und Freunde (Oberlin, Lavater) werden nicht hinter Pseudonymen versteckt. Eine Poetisierung der Lenz-Gestalt, die durch ein Wegretouchieren ihrer Personalien zustande käme, wäre Büchner zu äußerlich, gewesen. Dennoch ist es, als könnten solche Markierungen in dem Text nicht Fuß fassen, als würden sie von einem Wahrnehmungsstrom fortgerissen, bevor sie Halt finden. Der Grund dafür ist, daß Büchner Raum und Zeit gar nicht mehr als etwas Äußeres, Meßbares darstellt, sie erscheinen in seinem Text von Anfang an als Projektionen eines inneren Zustandes. Auf die Schilderung einer Augenblicksempfindung kann er eine ganze Seite verwenden, um dann mit einem Semikolon einen Zeitraum von einer Woche zu überspringen.