Bei Wagner werden Thesen verhandelt, bei Mozart geht es um jede einzelne Figur. Brünnhilde und Sieglinde haben nur unterschiedliche Probleme. Elvira und Zerlina sind unterschiedliche Frauen. Wagner sieht Geschichten, Mozart sieht die Menschen. Ich kann mir jederzeit eine Mozart-Inszenierung auf schwarz verhangener Bühne mit zwei Scheinwerfern vorstellen, die nichts von ihrer Substanz einbüßt – bei Wagner könnte ich mir das momentan überhaupt nicht vorstellen.

Der Opernregisseur Ulrich Melchinger in einem Interview, das er kurz vor seinem Tod der Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ gab

EVA unter dem Hammer

Die ZEIT glossierte es zuerst (Nr. 21 vom 18. Mai), der Verband deutscher Schriftsteller protestierte (bei der Gewerkschaft, der er angehört), die Büchergilde Gutenberg, gerade durch einen Kooperationsvertrag für die edition büchergilde an den Verlag gebunden, erklärte sich öffentlich „nicht einverstanden“ – nützt alles nichts: verkauft wird. Am Montag, dem 9. Juli, gab die Geschäftsleitung der Europäischen Verlagsanstalt bekannt, daß sich der Deutsche Gewerkschaftsbund mit Wirkung vom 1. Juli endgültig von dem Verlag getrennt hat. Für einen unbekannten Betrag (in Millionenhöhe) erwarb der Frankfurter Syndikat-Verlag – einer der anspruchsvollsten wissenschaftlichen Verlage im Lande – gemeinsam mit Kurt Groenewolds Attica-Verlag die Rechte. (Die an Rudolf Bahros Büchern verbleiben beim Bund-Verlag, „um dem Autor die Möglichkeit zu geben, sich nach seiner Freilassung persönlich zu entscheiden“.) Damit hat der Syndikat-Verlag so potente Mit-Bieter wie den Spiegel aus dem Felde geschlagen – und in einem Moment, in dem Suhrkamp zur Wachablösung der Theorie durch die Belletristik bläst, seine Ambition verstärkt, Deutschlands Zentrum für wissenschaftliche Theorie zu werden.

Hamburger Filmfest

Hamburgs Kultursenator Tarnowski wünschte sich ein „Theater der großen Texte“, jetzt bekommt er, für 329 000 Mark, ein Filmfestival der großen Namen. Beim Hamburger Filmfest, von den Regisseuren selbst organisiert, wird vom 18. bis zum 23. September ein sehr attraktives und vielseitiges Programm zu besichtigen sein. Es gibt Novitäten von Peter Fleischmann („Die Hamburger Krankheit“, hoffentlich kein schlechtes Omen), Margarethe von Trotta („Schwestern oder Die Balance des Glücks“), Alexander Kluge („Die Patriotin“ mit Hannelore Hoger), Rainer Werner Fassbinder (die Terroristen-Groteske „Die dritte Generation“), Ottokar Runze („Der Mörder“, nach Georges Simenon) und anderen. Aber auch Außenseiter und Debütanten stellen sich vor: darunter Ulrike Ottinger, Dagmar Damek, Volker Koch und Uwe Friesner. Der Hamburger Filmemacher Hellmuth Costard betreut eine Sonderreihe mit dem Titel „Der rigorose Film“. Und Rosa von Praunheim wird mit einer Retrospektive geehrt. Da am 1. September endlich auch das Kommunale Kino Hamburg eröffnet werden soll (unter der Leitung von Heiner Ross) und in die Festivitäten einbezogen wird, gibt es einen doppelten: Grund zu hanseatischer Kino-Freude.

CDU-Nachwuchs für Kotulla