Das Flüchtlingsdrama in Indochina: Wir müssen helfen

Von Marion Gräfin Dönhoff Es gibt immer wieder neue Vokabeln, die zunächst ungewohnt sind, dann aber rasch in den Sprachgebrauch eingehen, beispielsweise: Blitzkrieg, Treck, Curfew – die Reihenfolge ist übrigens historisch akurat. Jetzt ist ein neuer Begriff dazugekommen: boat people.

Boat people klingt harmloser als Flüchtlinge oder Vertriebene, aber ihr Schicksal ist vielleicht noch grausamer und verzweifelter als das vieler Millionen ihrer Vorgänger, die unaufhaltsam wie Urströme in dieses Zeitalter raffinierten Fortschritts und perfekter Zivilisation eingebrochen sind. Aus der Perspektive späterer Zeiten wird man die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts vermutlich einmal als die Zeit der modifizierten Völkerwanderung bezeichnen.

Ich sah dieses Phänomen zum erstenmal im Sommer 1944. Zunächst war es ein dünnes Rinnsal, das sich da unablässig von Osten über die ostpreußischen Landstraßen nach Westen schlängelte. Die ersten waren Litauer und Weißrussen, traurige, ernste Frauen mit vielen Kindern, die auf vollbepackten, von kleinen Panjepferden gezogenen Planwagen hockten. Als nächste folgten die Memelländer, dann die Ostpreußen aus den östlichen Teilen des Landes, dann, im Januar 1945, schlossen wir aus den weiter westlich gelegenen Gebieten uns an. Der Strom schwoll an, wurde immer stärker und reißender, aus Danzig, aus Pommern, der Mark und Mecklenburg stießen neue Wagenkolonnen dazu. Neun Millionen Menschen strömten unaufhaltsam in wochenlangen Märschen durch Eis und Schnee gen Westen.

Bald darauf ging es in Asien los. Mit blutigem Gemetzel trennten sich die Moslems von den Hindus in Indien, obgleich sie dort Jahrhunderte lang friedlich miteinander gelebt hatten: Insgesamt 18 Millionen Menschen rafften ihre Bündel und flohen – die Moslems in das neu entstehende Pakistan, die Hindus von dort nach Indien. Seither verging kein Jahr, in dem nicht irgendwo in der Welt Menschen wegen ihrer Stammeszugehörigkeit, Religion oder Ideologie niedergemetzelt oder vertrieben wurden.

Gewiß hat es auch in früheren Jahrhunderten Anfälle von religiösem Wüten und rassischer Irrationalität gegeben. Die beiden wichtigsten Beispiele: 1492 die Austreibung von 150 000 Juden aus Spanien und 1685 die Vertreibung von 400 000 Hugenotten aus Frankreich. Aber in die Kategorie millionenfacher Verbrechen ist erstmalig Hitler vorgestoßen.

Heute sind in Afrika vier Millionen auf der Flucht, in Asien über drei Millionen, im Nahen Osten gibt es fast zwei Millionen Flüchtlinge, und aus der DDR flohen vor 1961 vier Millionen in die Bundesrepublik. Manchmal kreuzen die Flüchtlingsströme einander: Eine halbe Million Angolaner sind in Zaire, dreiviertel Million Zairis in Angola.

Und nun Indochina. In dem Bericht des Hohen Kommissars der UN für Flüchtlinge – abgeschlossen am 20. Juli 1979 – heißt es, daß seit 1975 über eine Million Menschen die indonesische Halbinsel verlassen haben. Einige zogen, mit ihren amerikanischen Beschützern ab, 230 000 wurden über die Dschungelgrenze nach China getrieben, 277 000 Vietnamesen sind als boat people in Südostasien angekommen.

Boat people heißt, daß sie entnervt und verängstigt durch Diskriminierung, Zwangsarbeit und Umerziehung in seeuntüchtigen Nußschalen aufbrachen, nachdem sie eine hohe „Reichsfluchtsteuer“ an Hanoi abgeführt und ungezählte Beamte, Polizisten, Bootsbesitzer, die immer neue „Gebühren“ verlangten, bestochen hatten. Viele boat people sind auf See auch noch von Piraten überfallen und ausgeraubt worden. Schließlich, an der rettenden Küste Malaysias und Indonesiens angekommen, wurden dann viele mit Gewaltanwendung am Landen gehindert und wieder in die feindliche See hinausgetrieben.

Nach Schätzungen von Experten haben 200 000 von ihnen (in Worten: zweihunderttausend) ihr Grab in der See gefunden. Ein thailändischer General wird mit der Bemerkung zitiert: „Die Vietnamesen machen mit ihren Minderheiten, was die Nazis mit den Juden machten. Nur benutzen sie statt Gasöfen das Meer – das ist billiger.“

Die Flüchtlinge aus Vietnam, Laos und Kambodscha, die zu Fuß über die Grenze nach Thailand flüchten, sind nicht viel besser dran als die boat people. Sie überschwemmen ein Land, das selber kämpfen muß, um seine Bürger zu behausen und zu ernähren. Eine Viertelmillion Fremde auf unbestimmte Zeit aufzunehmen, das ist einfach unmöglich. Darum hat die Thai-Regierung eines Tages 40 000 Kambodschaner über die Grenze zurückgetrieben. Herzzerreißende Szenen spielten sich damals ab. Jeder, der im Lager blieb, bleiben durfte, wußte, daß er die anderen nie wiedersehen würde, weil sie in den sicheren Tod gingen. Bilder von weinenden Asiaten – es läuft einem kalt den Rücken herunter: Ich habe Tausende von Asiaten aller Nationalitäten erlebt, aber noch nie hatte ich einen weinen sehen.

Warum setzen sich all diese Menschen tödlichen Gefahren aus und flüchten in eine so ungewisse Zukunft? Es sind in erster Linie Chinesen, die in diesen Ländern den Handel in der Hand haben und den kaufmännischen Mittelstand darstellen. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß sie zumeist wohlhabend und dementsprechend unbeliebt sind – nur in Thailand haben sie sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt und sind voll integriert worden. Als der chinesisch-vietnamesische Krieg ausbrach, da wurde jeder Chinese in den Augen der Vietnamesen zum Spion; die Pogromstimmung wurde weiter angeheizt. Dieses Agenten-Etikett wirkt fort und läßt die Betroffenen Schlimmes befürchten für den Fall, daß der Krieg wieder aufflammen sollte.

Inzwischen ist die chinesische Bevölkerungsgruppe in Vietnam allen denkbaren Arten der Diskriminierung ausgesetzt, Ihre Schulen wurden geschlossen, die Kinder von ihren vietnamesischen Altersgenossen in den Straßen verprügelt, die Väter von Beamten willkürlich erpreßt und ausgebeutet. Für Chinesen wurden Briefzensur und bestimmte Sperrstunden eingeführt. Es gibt Gerüchte über neu eingerichtete Gettos, über Verhaftungen und Erschießungen. Sicherheitsbeamte machen in allen Stadtbezirken der Bevölkerung das Leben unerträglich, und kommunistische Jugendverbände führten zeitweise ein Schreckensregiment.

Es ist übrigens nicht so, daß die Panikstimmung nur für den Süden oder nur für die Chinesen gälte. Das Verhältnis der Flüchtlinge aus dem Süden zum Norden ist etwa sieben zu drei. Aus dem Norden kommen vorwiegend Intellektuelle und Akademiker, aus dem Süden vor allem hohe Zivilbeamte.

Sie alle waren zwei Jahre in Umerziehungslagern. Viele von ihnen sind in die sogenannten Neuen Wirtschaftsgebiete geschickt worden, wo sie unter mörderischen Bedingungen, ohne ausreichende Nahrung und Kleidung, den Dschungel roden sollen. Es heißt, ein großer Teil der zwangsweise dorthin Eingewiesenen sei trotz Bewachung inzwischen wieder geflüchtet und nach Saigon zurückgekehrt. Dort können sie ohne Lebensmittelkarten und ohne die erforderlichen Mittel für den schwarzen Markt nicht überleben und entschließen sich darum, als boat people das Land zu verlassen.

Die Konsequenz dieses Exodus ausgebildeter Eliten verschiedenster Bereiche ist für ein Entwicklungsland natürlich katastrophal. Ein englischer Korrespondent berichtete neulich: „In Vietnam kommt auf 2000 Bürger ein qualifizierter Arzt, aber in den Lagern gibt es einen Arzt für 350 Flüchtlinge.“ Die Wirtschaft, schon im Krieg zerstört, inzwischen durch Korruption und Unfähigkeit noch weiter ruiniert, ist nun, nach der Abwanderung von Ingenieuren, Ärzten, Beamten, Professoren, auch für die Zukunft jeder Hoffnung beraubt.

Manche Menschen betrachten diese Entwicklung als eine nachträgliche Rechtfertigung für das amerikanische Eingreifen in Vietnam: Eben diese kommunistische Herrschaft habe man ja schließlich verhindern wollen. Kann man aber nicht sehr viel zutreffendere Argumente dafür ins Feld führen, daß diese Entwicklung nur darum so irrational und hysterisch geworden ist, weil sich hier. These und Antithese – Kapitalismus und Kommunismus – im Bürgerkrieg eskalierend gegenüberstanden? Hätten die Amerikaner nicht Einzug in Südvietnam gehalten mit all den unerfreulichen Begleiterscheinungen, die eine Besatzung nun einmal mit sich bringt, dann wäre zwar ganz Vietnam gleich kommunistisch geworden, aber vielleicht ohne großes Aufheben, also mit weit weniger Haß, Blutvergießen und Zerstörung. Und die Vietnamesen hätten gewiß versucht, die beiden kommunistischen Großreiche gegeneinander auszuspielen und sich auf diese Weise ein wenig Freiheit zu erschleichen.

Ganz abwegig allerdings erscheinen im Lichte der heutigen Entwicklung jene Rufe: „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh“, mit denen seinerzeit die Apo bei uns. in den Straßen herumsprang; denn sie hatten doch wohl ein Synonym für Freiheit sein sollen. Eine schöne Freiheit ist das geworden. Nein, auch die Ansicht ist trügerisch, daß das, was im Iran geschieht, nur allzu verständlich sei, weil es der Wille des Volkes ist, die ihm aufgezwungene Verwestlichung abzuschütteln und seinem Ziel, dem islamischen Staat, entgegenzueilen. Sie ist trügerisch; denn der Wille eines emotionalisierten Volkes ist von großer Unbeständigkeit. Und die meisten Ziele sind ohnehin trügerisch. Worauf es ankommt und was allein entscheidend ist, das sind die Mittel, mit denen das Ziel erreicht werden soll.

Vor vier Wochen war unser Redaktionsmitglied Josef Joffe in Indochina. Er schrieb in der Nummer 28 einen ausführlichen Bericht über das Lager Pulau Bidong, in dem 40 000 Flüchtlinge aus Vietnam zusammengepfercht dahinvegetieren; seine Schilderungen haben alle so gepackt, daß uns schreiben allein nicht mehr als ausreichender Beitrag erschien: Sollten Journalisten sich wirklich mit Beobachten und Beschreiben begnügen? Müßte man nicht auch etwas tun? Versuchen, aus unserer gesicherten Existenz wenigstens einigen dieser Ärmsten der Armen zu helfen? Darf man sich durch den Einwand lähmen lassen, daß dies ja nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann?

Das Ergebnis stundenlanger, nein, tagelanger Diskussionen ist ein konkreter Hilfsplan, den wir den Lesern hiermit vortragen, weil wir meinen, daß dieser oder jener sich vielleicht angeregt fühlen könnte, selber mitzuhelfen. Wir haben dem Senat der Freien und Hansestadt vorgeschlagen, daß wir den Transport von 250 Flüchtlingen aus Malaysia bezahlen, falls Hamburg bereit ist, sie aufzunehmen und sie nach und nach zu integrieren; wobei wir uns verpflichten, für ein Jahr einige wichtige Hilfskräfte zu bezahlen, die für den Sprachunterricht und die Betreuung notwendig sind.

Die Stadt Hamburg und auch das Deutsche Rote Kreuz, dessen Erfahrung und Hilfe vor Ort benötigt wird, haben beide bewundernswert schnell und unkonventionell reagiert: Ein Beraterstab wurde sogleich zusammengerufen, die komplizierten Fragen der asylrechtlichen Problematik sowie die Unterbringung unbürokratisch angepackt, und nach 24 Stunden lag die Zustimmung vor.

Die ZEIT hat beschlossen, den Erasmus-Preis in Höhe von 90 000 Mark, der uns von der holländischen Stiftung Praemium Erasmianum im September für Verdienste um den Aufbau einer demokratisch-humanen Geisteshaltung im Nachkriegsdeutschland verliehen wird, zur Hälfte in dieses Unternehmen einzubringen (die andere Hälfte ist an europäische Zwecke gebunden). Die Aufwendungen für den gesamten Hilfsplan werden voraussichtlich aber das Vier- bis Fünffache dieses Betrages ausmachen. Deswegen hoffen wir sehr, daß unsere Leser sich beteiligen werden.

Spendenkonten, auf die steuerabzugsfähige Beiträge eingezahlt werden können, sind:

ZEIT-Stiftung, Deutsche Bank, Hamburg (BLZ 200 700 00) Konto-Nr. 133 330

Stichwort: Vietnam und beim Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co.,

ZEIT-Stiftung, SMH-Bank, Hamburg (BLZ 200 200 85) Konto-Nr. 431 989

Stichwort: Vietnam

Voraussichtlich schon in der nächsten Woche wird ein Team des Deutschen Roten Kreuzes nach Malaysia fliegen, um die 250 Flüchtlinge, die in Hamburg eine neue Heimat finden sollen, auszuwählen. Wir werden über diese Aktion und später auch über die Eingliederung der 250 in Hamburg fortlaufend berichten.