Während diese Zeilen geschrieben werden, sind die ersten 90 der 274 Vietnam-Flüchtlinge, die wir mit unserer Hilfsaktion nach Hamburg holen wollen, bereits in Kuala Lumpur in die Lufthansa-Maschine gestiegen Etwa 150 weitere folgen 24 Stunden später. Der Aufbruch in die fremde Welt mit ungeahntem Schrecken und magern Hoffen hat begonnen. Sie sind der Trostlosigkeit des Lagers entronnen – aber wird das, kann das, was jetzt kommt, sie mit neuer Hoffnung erfüllen?

Da sind so viele Ungewißheiten. So viele Fragen, die niemand beantworten kann. Es muß ihnen sehr bang ums Herz sein. Da ist ja nicht nur die Ungewißheit des eigenen Schicksals, noch viel bedrückender ist es, nicht zu wissen, was aus den Nächsten geworden ist, die zurückblieben, weil das Geld, um die erpresserischen Gebühren zu zahlen, nicht für die ganze Familie reichte; oder weil jene in ein anderes Boot stiegen, das nie ankam oder jedenfalls nicht dort ankam, wohin der Zufall diese verschlagen hatte.

Da wird viel zu tun sein, um diese Asiaten so weit vorzubereiten, daß sie in die hiesige Gesellschaft und die Arbeitswelt integriert werden können. Das erste Jahr wird wohl mit Deutschlernen vergehen und damit, sich anzupassen an die veränderten Umstände und Sitten, das andere Klima, das ungewohnte Essen und damit sich umzustellen auf einen gefragten Beruf.

Wir haben viel darüber nachgedacht, wie das Geld, das unsere Leser in so ungeahnt großzügiger Weise gestiftet haben, optimal eingesetzt werden kann. Ob wir mehr Flüchtlinge herholen sollen, oder ob es sinnvoller ist, die dort Verbliebenen mit Medikamenten und Kindernahrung zu versehen, oder ob das wichtigste ist, die ursprünglich vorgesehene Anzahl – also jene 274 Flüchtlinge – so lange zu betreuen und zu fördern, bis sie wirklich integriert sind.

Einstweilen ist durch Sachzwang nur eine Teilfrage entschieden worden: Es schien unsinnig, den kostbaren Frachtraum der Bundeswehrmaschine nicht auszunutzen, die einen Tag später mit den restlichen 160 Flüchtlingen hier eintrifft und die sonst leer nach Kuala Lumpur geflogen wäre. Darum haben wir mit Hilfe des Roten Kreuzes für 150 000 Mark Medikamente eingekauft: Penicillintabletten, Wasserentkeimungsmittel, Vitamine, Tuberkulosemittel und Kindernahrung und diese nach Malaysia mitgeschickt. Nun wollen wir erst einmal abwarten, wie sich alles anläßt und dann weitere Entscheidungen treffen.

Wir hatten nie geglaubt, daß wir je in die beglückende Verlegenheit kommen würden, über solche zusätzlichen Möglichkeiten nachdenken zu müssen. Aber Tag für Tag gehen neue Spenden ein, große Beträge von 10 000 Mark und mehr, Tausende von Hundertmarkscheinen werden geopfert, ebenso viele Fünfziger, und auch Beträge von zehn und fünf Mark. Eine kleine Arbeitsgruppe im Frauengefängnis von Mühlheim hat, wie es in dem Begleitschreiben heißt, „in einer spontanen Spendenaktion nach Durchdiskutieren des Flüchtlingsdramas“ 30 Mark in Briefmarken gesammelt. 15 Unterschriften standen darunter. Insgesamt sind bisher eingegangen: 1,57 Millionen Mark.

Gelegentlich kommt auch mal ein Brief, der sich empört. Es sei unverantwortlich, ja geradezu eine absurde Idee, Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis hierher zu holen – man solle ihnen doch Geld schicken, damit sie irgendwo in Asien angesiedelt werden können. Daran ist soviel richtig, daß es natürlich ideal wäre, wenn man sie in ihrer gewohnten Umwelt lassen könnte – aber das ist ja gerade das Unglück, daß sie dort keine Bleibe finden; sie irren von Küste zu Küste, werden überall verjagt, oftmals mit Gewalt. Denn die Länder Südostasiens haben große Minderheitenprobleme, die immer wieder zu blutigen Rassenunruhen geführt haben. Keine Regierung will die prekäre Balance, die sich gebildet hat, dadurch gefährden, daß sie neue Kontingente an Chinesen aufnimmt. Es gibt also keine Alternative. Wir können nur helfen, wenn wir sie dort herausholen. Wenn es gilt, Ertrinkende zu retten, kann man auch nicht erst einmal fragen, zu welcher Konfession, Partei oder Kultur die Betreffenden gehören.