Die nordirischen Terroristen verübten zu Wochenbeginn die blutigsten Mordanschläge seit Entsendung britischer Truppen in die Unruheprovinz vor genau zehn Jahren. Am Montagabend tötete eine von der IRA (Provisorische irisch-republikanische Armee) in einem Heuwagen versteckte Mine in der nordirischen Grenzstadt Warrenpoint achtzehn britische Soldaten. Sechs Stunden zuvor hatte die Terrororganisation den ehemaligen Vizekönig von Indien, Lord Mountbatten, durch einen ferngezündeten Sprengsatz auf dessen Ferienjacht vor der irischen Westküste ermordet. Am Dienstag folgte ein Bombenattentat in Brüssel, das sich gegen einen britischen Musikzug richtete. Dabei gab es zehn Verletzte.

Louis Francis Mountbatten war die letzte britische Legende. Aus dem vierten Kind der Schwester eines Königs pflegt auf der Insel normalerweise bestenfalls ein gutaussehender Sumpfhuhnjäger mit dem Pflichtenradius einiger eingeweihter Krankenhausanbauten pro Jahr zu werden. Auch den Mann einer Königin zum Neffen zu haben, verbürgt noch keine Qualität, und ein bißchen bei der Marine gefahren sind sie schließlich alle, die Spätest-Hannoveraner und die umbenannten Battenbergs. Dieser aber strotzte schon seit der Geburt vor Energie: Bei der Taufe strampelte er der ihn haltenden alten Queen Victoria die Brille von der Nase, zu deren unverhohlenem Entzücken. So robust verlief dann die ganze Karriere.

Sie brachte vier Höhepunkte. Mountbatten nahm die Kapitulation der Japaner in Burma entgegen. Die Labourregierung Attlee vertraute ihm die Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit an, eine diplomatische Aufgabe, deren er sich mit ungewöhnlichem Takt entledigte, wofür er nun posthum belohnt wird durch eine Staatstrauer in Delhi, wenn auch nicht in Dublin. Wie sein Vater wurde er Erster Seelord, und aus den bürokratisch hoffnungslos rivalisierenden Whitehallspitzen von Herr, Luftwaffe und Marine wurde zu seiner Zeit als Chef des Verteidigungsstabes ein einheitliches Ministerium geschaffen. Wie weiland Wellington sah er sich als Verbindungsmann zwischen Thron, Armee und Politik, was beim demokratisch-argwöhnischen britischen Parlament kein Dasein im Lehnstuhl ist. Wie Wellington kannte er die rücksichtslose Offenheit gegenüber der politischen Macht, den ehrgeizlosen Ratschlag. Anders als jener aber trug er ihn nicht barsch, ja brutal vor, vielmehr verfügte er über den unwiderstehlichen Charme des interesselosen Weltmannes, der eigentlich lieber naturwissenschaftliche Studien trieb, als daß er Akten las.

Am Montag starb Mountbatten als das wohlausgesuchte Ziel eines ferngezündeten Terroranschlags der IRA, Auftakt einer Blitzkampagne gegen die britische Armee in Nordirland. Knapp dreihundert Meter nach dem Verlassen des kleinen Hafens Mullaghmore explodierte an Bord seiner Jacht die Bombe, die Mountbatten, einen seiner Enkel seine Schwiegermutter und ein Mitglied der Besatzung tötete und mehrere Familienangehörige schwer verletzte. Mountbatten hatte seinen Urlaub regelmäßig im Grenzbezirk zwischen Süd- und Nordirland verbracht. Diese Grenze und die fahrlässige Art, in der sie von der Regierung in Dublin aus innenpolitischen Gründen – der ersehnten Wiedervereinigung wegen. – quasi offengehalten wird, muß nun Gegenstand drastischer Vorhaltungen von Seiten der Briten sein.

Der südirische Premierminister Lynch hat aus dem Urlaub, den er nicht abbrechen zu müssen glaubte, die Ermordung Mountbattens in südirischen Gewässern telegraphisch verdammt. Er wiederholte den Wunsch, mit Großbritannien so eng wie möglich zusammenzuarbeiten, um Blutvergießen zu vermeiden. Eben daran aber haperte es bisher an der Grenze zwischen Süden und Norden. Weil Dublin die Anwesenheit britischer Soldaten in Ulster mißbilligt, haben nur die beiderseitigen Polizeiinstanzen regelmäßigen Kontakt. Ehe es da aber zur Verständigung kommt, sind die Bombenleger und Heckenschützen längst in Sicherheit.

Die IRA, die sich aus Belfast und Londonderry weitgehend zurückgezogen hat, weil ihr immer weniger Verstecke in den katholischen Stadtvierteln offenstehen, muß dort herausgefordert werden, wo sie derzeit fast uneingeschränkt herrscht, nämlich an dem mehr als vierhundert Kilometer langen Grenzstreifen zwischen Irischer See und Atlantik. Wäre das eine Folge der Explosionen der letzten Tage, dann hätten der alte Admiral und die jungen Soldaten nicht ganz ohne Sinn den Tod gefunden. –

Das Massaker an den 18 Soldaten wurde durch eine in einem Heuwagen versteckte Mine ausgelöst. Als eine britische Militärpatrouille das am Straßenrand abgestellte Fahrzeug passierte, explodierte der Sprengkörper durch Fernzündung. Als wenig später ein Hubschrauber und Armeefahrzeuge Soldaten zur Bergung der Toten und Verletzten an den Attentatsort brachten, ging in einem nahegelegenen Bauernhaus ein weiterer 220 Kilogramm schwerer Sprengsatz hoch.

Karl-Heinz Wocker (London)