Den weichlichen und unsittlichen Gottfried kann ich kaum lesen...“, so der große Philologe Karl Lachmann am 11./12. Dezember 1819 an den großen Philologen Jacob Grimm – und folgerichtig hat Lachmann, dessen Editionskunst die Wissenschaft von der Mittelhochdeutschen Literatur ihre Texte verdankt, auf eine Ausgabe des „Tristan“ verzichtet (worunter diese Wissenschaft heute noch leidet).

Das war die Zeit, als man den einfältigen Mut hatte, die eigenen Moralvorstellungen in ein Kunstwerk zu projizieren und dessen Wert und Würde abhängig machte von dem Maß an Vollkommenheit, mit dem das befragte Kunstwerk solcher Erwartung gerecht wurde. Heute wissen wir, daß wir Grund haben, von der Kunst Belehrung zu erhoffen über Wesen und Wert des Menschen und von ihr zu lernen, was es auf sich hat mit dem „Sittlichen“ und dem „Unsittlichen“.

Gottfried von Straßburg nun ist ein großer, wenngleich schwierig zu erfassender Lehrmeister. Seit anderthalb Jahrhunderten eifrig studiert und dringlich befragt, verweigert er doch bindende Auskunft über die Fundamentalfrage; wie er es halte mit der Religion; mit der Ordnung der jenseitigen und also auch der diesseitigen Welt. Wie er es halte mit dem geliebten Liebespaar, das sich erfüllt und definiert durch permanentes Vergehen gegen Gottes und der Menschen Gebot.

Wir wissen nicht – wie das fast gesetzmäßig zu sein scheint beim Fragen nach der Künstlerpersönlichkeit im Mittelalter – woher er kam und wohin er ging, kennen weder Lebenszeit noch Beruf und sind auf Vermutungen angewiesen: Daß Gottfried in Straßburg gewirkt, vielleicht im Dienste des dortigen Bischofs gestanden hat, und daß er ein Mann von Bildung und,, bürgerlichem“ Ansehen gewesen, gilt uns als sicher. Im übrigen ist er identisch mit dieser seiner einen Dichtung, dem Roman von Tristan und Isolde, der mit (etwa) dem Vers 19 500 abbricht und noch einige tausend Verse mehr hätte haben sollen, und der entstanden ist in den ersten Jahren nach 1200.

Ein Roman, den man innerhalb seiner Zeit und Welt getrost als eine Ungeheuerlichkeit wird bezeichnen können. Denn man muß bedenken, was es auf sich hat mit dem hölischen Epos, das damals im romanisch-germanischen Kulturbereich gepflegt wurde und in dessen artusseliger Ritter-Märchen-Welt sich die Adelsschicht verklärt spiegelte, die Auftraggeber und Inhalt dieser Geschichten war.

Sie folgen, so bunt gemischt ihre Abenteuer und Figuren auch sein mögen, doch allesamt einem Schema. Nach ihm erleidet der von allem Anfang an berufene Held einen tiefen Sturz, weil er seinen Platz im Ordo seiner Welt noch nicht errungen, den Prozeß der Ich-Findung und

Selbstverwirklichung, wie wir heute sagen würden, noch nicht bewältigt hat. So muß er denn, heiße er nun Parzival oder Erec oder Iwein, den langen einsamen Weg der Bewährung gehen und sich auszeichnen durch Taten des Heldentums und der Güte, die allesamt darauf hinzielen, ihn sich selbst zuzuführen. Daß er aber endlich bei sich angekommen ist, signalisiert die Situation des Endes: inmitten der Ritterherrlichkeit des Königs Artus findet der Held auch seine Frau wieder, zu seiner Frau zurück. Der Artus-Roman ist kein Liebesroman, aber er ist ein Eheroman, insofern als er die Unversehrtheit des sozialen Instituts Ehe als Symptom begreift für den intakten Zustand des sozial übergreifenden Komplexes der adligen Gesellschaft. Ein Traum vielleicht, aber doch ein schöner, und dieser Welt galt er für eine gewisse Zeit als Chance und Appell, als eine in Kunst legitimierte Form der Wirklichkeit.