Vor seinen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ hatte Rilke selber gewarnt, vor ihrer Wirkung auf Leser, die sich mit Maltes Irritationen und Krisen identifizieren könnten, anstatt sie zu widerlegen. Im Brief an Artur Hospelt steht der berühmt gewordene Hinweis: „Ich sehe seit einiger Zeit ein, daß ich Menschen, die in der Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muß, in den Aufzeichnungen Analogien für das zu finden, was sie durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buche parallel geht, muß notwendig abwärts kommen; erfreuend wird es wesentlich nur denen werden, die es gewissermaßen gegen den Strom zu lesen unternehmen.“

Diese Einsicht könnte als genereller Vorschlag gelten, Kunst anders wirken zu lassen, als sie mit ihren Negationen wirkt; das ganze Maß an Verneinung, das Kunst vermittelt, wäre zugleich das Maß, der mögliche Aufwand ihrer Utopie. Aber das sagt sich so leicht nur, wenn man Kunst allein aus der ideologischen Distanz betrachtet, wenn man sie nicht heranläßt an das eigene Leben. Maltes Aufzeichnungen lesen heißt bei einiger Sensibilität, der eigenen Krise inne zu werden, zumal wenn man jung ist und die Suche anfängt nach dem eigenen Ich. Mir ging es jedenfalls so, als ich die Aufzeichnungen las, zum ersten Mal vor über fünfundzwanzig Jahren.

Beim nächsten Wiederlesen ging es sicher nicht so, stellten sich die früheren Erfahrungen nicht mehr ein, gottlob nicht, diese Verheerungen auf dem Feld der Gefühle. Man muß dieses Buch mehrere Male, und in Abständen, lesen, schon deshalb, weil seine ständige Begleitung einen aufmerksam macht auf Entwicklungen und Veränderungen, in mir, mit mir, um mich herum.

Man muß sich von diesem Buch auch trennen können, um es wiederfinden zu können als Dokument der eigenen Biographie, vergangener Zustände, vergessener Verwirrungen. Es gibt wenige Bücher, die man auf der Lebensreise mitnehmen kann. Vielleicht weiß es jeder, der die wechselnden Moden miterlebt hat, die der blinden Verehrung, der schroffen Ablehnung, der vorsichtigen Wiederentdeckung der Werke Rainer Maria Rilkes: die Aufzeichnungen-seines Malte behielten eine Qualität, die vom Streit um seine Lyrik ziemlich unbehelligt blieb; der Malte ließ sich nicht nur retten, er garantierte Rilkes Rang noch in Zeiten, als sein Dichten gerade gut genug für Parodien war.

Als die einzige große Prosa-Arbeit haben die Aufzeichnungen in Rilkes Werk ihren besonderen Stellenwert. Geschrieben in den Jahren zwischen 1904 und 1910 erscheint das Buch nicht als Wurf, sondern als Ergebnis einer Entwicklung, einer langen Veränderungsphase. Die Form der Aufzeichnungen spiegelt das wieder; die Pausen, die Unterbrechungen, der Wechsel der Zustände und Bewußtseinslagen haben gewissermaßen mitgeschrieben; das Material einer Lebenszeit erreicht keine geschlossene literarische Gestalt. Ein Fragment also, ein offener Text, sagen wir heute, der, historisch begriffen, mit am Anfang stehen könnte all der Auflösungen und Zusammenbrüche, die in der Literatur dieses Jahrhunderts zu den weitgehenden Veränderungen geführt haben.

Die Krise des Erzählens, die Schwierigkeiten mit dem Roman: in den „Aufzeichnungen“ wären die Belege für etwas zu finden, was in den vergangenen literarischen Generationen gedacht, praktiziert, zur Kenntnis genommen, nicht zur Kenntnis genommen oder überwunden worden ist, und dabei sollte die Ausrede nichts taugen, das Buch sei in lyrischer Prosa geschrieben, was immer das heißen soll, wahrscheinlich einen Aufenthalt im Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten. Historische Zusammenhänge, Konsequenzen – Rilke aber war nicht Avantgarde und hatte keine Probleme mit der alternden Epik, mit den Konventionen des 19. Jahrhunderts; er schrieb ohne revolutionären Elan, ihn steuerte kein expressionistischer Zeitgeist. „Es ist nur so, als fände man in einem Schubfach ungeordnete Papiere und fände eben vorderhand nicht mehr und müßte sich begnügen. Das ist, künstlerisch betrachtet, eine schlechte Einheit, aber menschlich ist es möglich, und was dahinter aufsteht, ist immerhin ein Daseinsentwurf und ein Schattenzusammenhang sich rührender Kräfte.“

Rilkes Brief-Bemerkung soll nicht ausreichen, die fragmentarische Gestalt seiner Aufzeichnungen zu erklären; entscheidend erscheint mir aber der Hinweis auf die menschlichen Umstände, die das Entstehen der Aufzeichnungen mitbestimmt haben. Sie beschreiben weniger Erfindungen als Erlebnisse. Ziemlich zu Anfang, als der achtundzwanzigjährige Malte über seine bisherigen literarischen Versuche nachdenkt, kommt er zu Einsichten, die den Ansatz einer Poetik enthalten: Verse seien nicht Gefühle, sondern Erfahrungen. Das gilt für die Aufzeichnungen selber. Diese Prosa lebt vom Repertoire und vom Augenblick der Erfahrungen zugleich. Ihre Bestandteile, denen kein erzählerisches Kontinuum zugrunde liegt, werden zusammengehalten vom Bewußtsein eines Ichs, in dem die Momente und Perioden sich sammeln, die vergessenen und wiedergefundenen Zeiten, die plötzlichen und die erinnerten Erlebnisse, die Ängste und Träume, die Wahrnehmungen und Begegnungen, all das eben, was den widersprüchlichen Zusammenhang der Erfahrungen herstellt. Sie bestimmen den Gang der Aufzeichnungen; ihre Brüche und Schübe bilden sich in der Form des Textes ab.