Ein wichtiges Debüt. Ein Debüt zum FürchtenDie Reise von Frankfurt nach Sodom

Bodo Kirchhoffs erste Prosa-Arbeit: „Ohne Eifer, ohne Zorn“

Von Benjamin Henrichs

Eine neue Geschichte von Robinson: „Robinson verblaßt auf seiner Insel. Zu Anfang unterhält er sich mit den Tieren und schläft bei einer jungen Ziege. Aber mit der Zeit gehen alle Interessen dahin. Selbst die Ziege bedeutet ihm nichts mehr, und schließlich hört er sogar auf zu onanieren. Wunschlos sitzt er herum, plappert den eigenen Namen, verwechselt Worte oder vergißt sie und spielt mit seinem Abfall. Da taucht Freitag auf und resozialisiert ihn. Endlich werden die beiden gerettet, und Robinson geht mit Freitag, dem Wilden, auf Tournee

Der Mann, dem diese Geschichte einfällt und einige ähnliche noch, nennt sich Branzger. Er tritt auf in der ersten Prosaarbeit eines jungen deutschen Autors, in –

Bodo Kirchhoff: „Ohne Eifer, ohne Zorn“, Novelle; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1979; 99 S., 16,– DM.

Branzger lebt wie sein Robinson, vielleicht noch ein Stück trostloser, auch ihm gehen alle Interessen dahin. Zwar schreibt er Artikel für psychologische Fachzeitschriften, doch diese Arbeiten bleiben „blaß..., ohne Eigenwilligkeit“. Zwar hat er die schriftstellerische Arbeit an einer alten „unerledigten Geschichte“ von 1968 wiederaufgenommen, doch was er da erzählt, Tristes aus seinen Tagen bei der Bundeswehr, scheint des Erzählens nicht wert. Zwar hat er ein paar Kontakte zu Frauen, doch ein Liebesleben hat er nicht. Er lebt ohne Eifer, ohne Zorn, inmitten einer „immer wiederkehrenden, um sich greifenden Fadheit“, sieht nur noch „Langeweile und Glanzlosigkeit, wo er auch hinschaut“.

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Branzger ist, wie die meisten Helden der Literatur, ein Einsamer. Aber er ist kein Held: „Er leidet an nichts Bestimmtem und ist mit sich zufrieden.“ Er ist ein Mann ohne besondere Eigenschaften oder Leidenschaften; mit nahezu jedem Satz insistiert Bodo Kirchhoff auf seiner Uninteressantheit. Branzger ist der Antiheld einer Art Anti-Prosa; ein grauer, matter Mensch, in grauen, matten Sätzen vorgeführt. Auch sein schriftstellerischer Ehrgeiz hält sich in Grenzen: „alles Überflüssige zu streichen“, den Sätzen die Literatur auszutreiben, das ist sein karges poetisches Programm. Ein Mensch, der nichts weiter bedeutet, Sätze, die nichts weiter bedeuten: Bodo Kirchhoffs erstes Buch ist auch ein Anti-Buch.

Branzgers offenbar beträchtlicher Geschlechtstrieb steht in einem sehr merkwürdigen Kontrast zu seiner mindestens ebenso heftigen Lustlosigkeit. Frauen sind für ihn „Kontaktpersonen“, mit denen er die leidige Sache rasch und mechanisch, unter möglichst geringem Verbrauch von Emotionen, hinter sich bringt. Den Geschlechtsakt „zu Ende bringen“, nachher schnell „die Spuren beseitigen“ – trister, frostiger, bürokratischer als Bodo Kirchhoff hat noch kaum ein Autor über das, was man „die Liebe“ nennt, geschrieben. Sein Held hat keine sexuelle Phantasie, nur eine einzige, ständig wiederkehrende sexuelle Zwangsvorstellung: „hat es wieder deutlich vor sich, denkt unter Zwang: weibliche Gesäßfalte, weit geöffnet, unbehaart...“ Auch bei seinen zahlreichen ohne Lust exekutierten, wie eine Notdurft verrichteten Selbstbefriedigungen denkt er nie an das Gesicht einer Frau, ihren Blick, ihren Körper, nur immer an das eine dunkle Loch. Und seltsam: auch die Frauen leisten seinem Sexual-Stumpfsinn keinen Widerstand; desinteressiert sind sie ihm zu Diensten, gleichmütig, ohne Eifer, ohne Ekel.

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