Im ersten Teil des voluminösen Romans (am

Ende waren es 750 Seiten), der 1837 unter dem Titel „Die beiden Dichter“ erschien, blühen noch die romantischen Hoffnungen. Sie blühen in Angouleme, damals wie heute tiefste Provinz. Lucien Chardon, der Apothekersohn, der sich später auch Lucien de Rubempré nennt,

träumt von Dichterruhm und, wie viele Balzac-Helden, von gesellschaftlichem Aufstieg. Louise de Bargeton, der schöngeistige Kopf des örtlichen Adels, scheint diesen Traum verwirklichen zu. wollen: Sie öffnet dem jungen Talent aus der Unterstadt ihren Salon und ihr Herz und zwingt es den widerstrebenden Habitués als ihren neuen Petrarca auf. Was Lucien nicht sieht oder nicht wahrhaben will, sind die Realitäten hinter dem schönen Schein: Louise spielt die Laura nicht ohne Eigennutz, sondern im Interesse ihrer ehrgeizigen Paris-Pläne; daß Lucien bei ihr eingeführt wird, verdankt er nicht seinem Genie sondern den Ambitionen des Baron du Châtelet, der auf Hand und Vermögen der „Muse von Angoulême“ spekuliert und den Poeten von Anfang an nur als Werbefigur in seinem Intrigenspiel benutzt und daß Lucien über die nötigen Mittel verfügt, um sich überhaupt in Gesellschaft blicken lassen zu können, verdankt er allein der Opferbereitschaft seines Freundes David Séchard und seiner Schwester Eve, die als Besitzer einer kleinen Buchdruckerei seine ökonomische Basis bilden.

Der zweite, 1839 erschienene Teil spielt in Paris. Bei der Berührung mit der Hauptstadt zerplatzen die provinziellen Illusionen. Entfremdung. heißt das Stichwort. Als Louisede Bargeton ihn verläßt, ist Lucien,. der „große Mann aus der Provinz“ (so der ironische Titel des zweiten Teils), auf sich allein gestellt. Nun erst beginnt das eigentlich neue Thema des Romans: der Existenzkampf des Schriftstellers, der in die freie Wildbahn entlassen ist. Bei den entmutigenden Streifzügen durch den Pariser Literaturbetrieb, insbesondere beim Umgang mit den Verlegern, denen er seine Manuskripte anbietet, lernt Lucien bald, daß auch Texte Waren sind, um so leichter zu plazieren, je mehr sie dem Massengeschmack entgegenkommen, so schwieriger, – je höhereAnsprüche sie stellen. „Kunst als Ware“, „Kommerzialisierung des Geistes“, „Ausbeutung der Autoren“, „Massenliteratur“ kontra „seriöse Literatur“: dies sind nicht die abgedroschenen Slogans von heute, sondern die traumatischen Erfahrungen Luciens, letztlich die Erfahrungen von Balzac selbst und der Generation von Autoren, die zwischen den Revolutionen von 1830 und 1848 schrieben, als die Folgen des kapitalistischen Liberalismus auch die Bedingungen des Geisteslebens radikal zu verändern begannen. Und die Illusionen, die dabei verlorengehen, sind die Illusionen der Romantik: die Illusion vom Originalgenie, das nun in einen – erbarmungslosen Konkurrenzkampf mit Dutzenden anderer „Originale“ gerät; die Illusion von der Autonomie der Kunst, deren tatsächliche Abhängigkeit von wirtschaftlichen Bedingungen auf Schritt und Tritt greifbar wird, und die Illusion von der Reinheit des Geistes, der doch nur in der Isolierung sich noch vor der Korruption behaupten kann. Es sind Erfahrungen der Desillusion, des Innewerdens einer neuen Wirklichkeit, vor deren Aufscheinen man lange Zeit die Augen verschlossen hatte. Wie einst Don Quijotes Rittertum angesichts der anonymen Feuerwaffen illusionär wurde, so geschieht es jetzt mit Luciens Dichtertum.

Aber Lucien ist „moderner“ als Don Quijote. Er merkt sehr schnell, welche Rolle er spielt; und da der Trieb zu reüssieren bei ihm viel stärker ist als das moralische Gewissen und die literarischen Grundsätze, paßt er sich an: von der Kleidung bis zur Gesinnung wird bei ihm nach und nach alles „flexibel“. Zwar versucht Daniel d’Arthez, Luciens Mentor und letzter Freund, Haupt eines elitären Cénacle, seinen Schüler bei der Disziplin zu halten. D’Arthez ist ein wirklicher Idealist: asketisch, prinzipientreu und voll Verachtung für die ökonomischen Realitäten, fast schon ein Flaubert avant la lettre, allerdings noch mit politischen Überzeugungen. Doch vergebens: Lucien wechselt zum Journalismus über, der einzigen Alternative, die dem mittellosen Schriftsteller raschen Erfolg versprach, und verrät gerade damit die reine Kunst. Denn nach der Meinung d’Arthez’ (und Balzacs) ist der Journalist ein gefallener Poet und der Journalismus als ganzes die Korruption der schönen Künste, weil er das Talent vermarktet und damit die unheilige Allianz von Geist und Kommerz besiegelt.

Nach meinem Dafürhalten ist für den heutigen Leser die ebenso bissige wie glänzende, fast 300 Seiten lange Reportage am ergiebigsten, in der Balzac (niemand ein besserer Journalist als er!) gleichsam zähneknirschend das entstehende Massenmedium „Zeitung“ vorstellt und minuziös beschreibt, wie es funktioniert, wie es hergestellt und vertrieben wird, und vor allem auch, wie es (dies am Beispiel Luciens) einen neuen Typ von Erfolgsschriftsteller hervorbringt: den Feuilletonisten. Viele Widersprüche, die in den etablierten Medien von heute rationalisiert oder verdrängt sind,erscheinen in Balzacserregender Sittengeschichte des frühen Pressewesens noch undomestiziert und prallen in kruder Unmittelbarkeit aufeinander. Wie in der Redaktion die lukrativsten Aufträgeverteilt werden; wie die Buchkritik sich nach geschäftlichen Absprachen reguliert; wie ein schlechtes Stück durch eine gute Presse zum Theatercoup werden kann, und welcher Transaktionen es bedarf, um die Presse geneigt zu machen: Überall wird der Geist in der unverschämtesten Weise durch das materielle Interesse regiert, dem keine moralische Rücksicht heilig ist, weder die Freundschaft noch die Ehre und schon gleich gar nicht die Wahrheit.

Gewiß kann man nicht behaupten, Balzac habe den Journalismus „objektiv“ gesehen. Ganz im Gegenteil: er hat ihn nach Kräften verteufelt.