Silvia Bovenschens Entwurf einer neuen KulturgeschichteImaginierte Weiblichkeit

Hier geht es nicht um die Eliminierung irgendwelcher weißer Flecken auf der kulturhistorischen Landkarte. Nicht darum, vergessene Weiblichkeitsformen aufzustöbern. Was die Autorin vorlegt, ist nichts weniger als der große Wurf einer neuen Kulturgeschichte –

Silvia Bovenschen: „Die imaginierte Weiblichkeit – Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen“; es 921, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1979; 278 S., 11, – DM.

Anzeige

Mit Recht weist Silvia Bovenschen auf das erstaunliche Phänomen, daß die Frage nach der Absenz des Weiblichen in der Kulturgeschichte, ihrer ideengeschichtlichen Ausklammerung aus der Definition des Menschen, fast nie zum Gegenstand eines Forscherinteresses geworden ist. In den erkenntnistheoretischen Abhandlungen von Rousseau, Herder, Kant, Schiller, Hegel oder Schopenhauer findet das Weibliche keinen Platz oder nur einen am Rand. „Die leibliche Natur‘ kann nicht für sich bestehen, sie ist nicht vermittelt mit den zentralen geschichtsphilosophischen Kategorien, sie ist nur indirekt erkennbar über die männlichen Gebote Lakonisch konstatiert die Autorin: „Das Weibliche fällt aus der menschheitsgeschichtlichen Genealogie heraus.“

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die augenfällige Diskrepanz zwischen einer variationsreichen Palette imaginierter weiblicher Gestalten und dem dürftigen Kontingent der tatsächlich imaginierenden Frauen. Während die von männlicher Feder entworfenen symbolischen Präsentationen des Weiblichen schillernd und oft von utopischer Kühnheit sind, bleiben die Frauen in der Wirklichkeit von solchen Möglichkeiten abgeschnitten. Sie sind an den Spülstein gekettet, fungieren lediglich als Garantinnen des häuslichen Friedens und bilden allenfalls den Nährboden zur Vervollkommnung des Mannes.

Silvia Bovenschen geht es nicht bloß darum, weibliche Defizite aufzudecken und über das verhinderte Kulturschicksal der Frau zu lamentieren. Ihre Beobachtung ist differenzierter. Sie denkt über das Problem der Doppelstruktur des Weiblichen nach: einerseits zum Vehikel für männliche Wünsche und Sehnsüchte gekürt, reich ausgestattet mit imaginierten Fähigkeiten, bleibt es andererseits bloß geschichtsloses Anschauungsmaterial, grundsätzlich ausgeschlossen von Dynamik und Progression. Bovenschen sieht hier eine Art negativer Dialektik am Werk. Die amorphe Präsenz der empirischen Frau ermöglicht der männlichen Imagination, weibliche Figuren von luxurierenden Eigenschaften zu entwerfen. Tatsächlicher Mangel wird umfunktioniert zu potentieller Fülle. Nur: Nutznießer dieser Fülle ist niemals die Frau.

Einzig im Bereich der Bilder konnte sie kulturgeschichtliche Spuren hinterlassen. Doch das Dilemma dabei ist, daß die Frauen selbst an der Produktion dieser Images, an den Entwürfen ihrer eigenen Bestimmung, unbeteiligt waren. „Ihr Kulturschicksal ist in der Geschichte vom Wettlauf zwischen Igel und Hasen abgebildet“, heißt es sarkastisch. „Der Igel – der vorgegebene Entwurf – ist immer schon vor ihr da.“

Bovenschens Untersuchung setzt an im 18. Jahrhundert bei den beiden epochalen kulturgeschichtlichen Programmen wie „Gelehrsamkeit“ und „Empfindsamkeit“, in deren Umfeld sich neue Präsentationsformen des Weiblichen herausbilden. Sie weist darauf hin, daß in der Epoche der Frühaufklärung Frauen erstmals so etwas wie „Sprecherlaubnis“ erhalten. Im Zuge dieser ersten großen Egalitätsbewegung, die eine generelle Revision aller überlieferten Werte fordert, wird auch das degradierte Weibliche aufgewertet. Das neue Einschätzungsmuster der Frau findet seine Präsentationsform im Typus der Gelehrten. Unter dieser Firmierung können Frauen nun Einzug halten in die kulturelle Öffentlichkeit. Den Gegentypus hierzu bildet seit etwa der Mitte des Jahrhunderts die empfindsame Frau.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 16.11.1979 Nr. 47
Service