Von Wolfgang Hoffmann

Die deutsche Niederlassung der französischen Reifenfirma Michelin wollte Gutes mit Nützlichem verbinden und meldete für das Zweigwerk in Bad Kreuznach fünfzig freie Arbeitsplätze an, die mit vietnamesischen Flüchtlingen besetzt werden könnten. Die gute Tat blieb indes ohne Echo.

In Minden boten die Melitta-Werke über ein Dutzend Teilzeitarbeitsplätze wie auch Ausbildungsstellen für Vertriebene aus Fernost an. Doch auch hier kam die Aktion ins Stocken. In der Bischofsstadt Paderborn gingen gleich zwei staatliche Behörden miteinander in den Clinch, weil sie sich über die bestmögliche Integration der ihnen zugewiesenen Vietnamesen nicht einigen konnten.

Solche Erfahrungen aus der Provinz sind nicht selten. Immer mehr verdichtet sich der Verdacht, daß die rasche Eingliederung von Flüchtlingen aus Südostasien im Räderwerk der Bürokratie steckenbleibt. So wollte Horst Pieper, Pressereferent der Stadt Paderborn und ein engagierter Flüchtlingshelfer, mit der Kreishandwerkerschaft ein Modell praktizieren, die Flüchtlinge unbürokratisch in Paderborn einzugliedern. Um den raschen Anschluß an die fremde Umwelt zu erleichtern, sollten die Flüchtlinge nach einem sprachlichen Grundkurs an einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz vermittelt werden. Während des Vormittags sollten die Vietnamesen dann weiter den Sprachunterricht besuchen, am Nachmittag aber bereits an einem Arbeitsplatz praktisch werken. Doch das Paderborner Arbeitsamt spielte nicht mit.

Auch in Bad Kreuznach war das Arbeitsamt nicht in der Lage, Vietnamesen in die von Michelin bereitgestellten Arbeitsplätze zu vermitteln. In Minden bei Melitta scheiterte die Vermittlung der Arbeitsplätze, weil die Mindener Bevölkerung trotz mehrfacher Aufrufe keine Unterkünfte für die Flüchtlinge stellen mochte oder konnte.

Unternehmen, die dem Aufruf ihrer Verbände gefolgt sind, möglichst viele Arbeitsplätze für die Vertriebenen zu schaffen, müssen daher immer wieder erleben, daß ihre Angebote ins Leere gehen. So hat auch das Bonner Vietnam-Büro der Abgeordneten Pieroth und Wissmann bittere Erfahrungen machen müssen. Zwar konnte diese private Vietnamhilfe rund 2500 Arbeitsplatzangebote sammeln und den Arbeitsämtern weitermelden, aber nur ganz wenige konnten bisher auch vermittelt werden. Wäre es gelungen, diese 2500 Stellen zu besetzen, so hätte bereits jeder vierte der inzwischen rund zehntausend vietnamesischen Flüchtlinge in der Bundesrepublik einen Job. Insgesamt sollen im Rahmen des deutschen Flüchtlingskontingents 20 000 Vietnamesen kommen.

Das von der Wirtschaft bereitgestellte Angebot reicht vom qualifizierten bis zum unqualifizierten Arbeitsplatz. Ein Korbflechter aus Westfalen zum Beispiel wollte gleich fünfzig Flüchtlinge aufnehmen. Seine Überlegung war: die Ware, die er sonst aus Fernost importiert, könnte von den geschickten Vietnamesen auch hierzulande gefertigt werden. Ein Wäschefabrikant wollte zusammen mit Vietnamesen eine Kaninchenzucht aufziehen, um so seine Fertigung in Angorawäsche auszuweiten.

Auch die Arbeitsämter bestätigen: Angebote gibt es genug, seriöse wie unseriöse, auch solche mit versteckten Heiratsangeboten. Wozu nach Bangkok reisen, wenn die „Exoten“ doch so nah sind. Daß die Arbeitsämter dennoch so zurückhaltend operieren und die Arbeitsplatzangebote nur sehr zögernd aufgreifen, hängt damit zusammen, daß sie ihren gesetzlichen Auftrag, Flüchtlinge dauerhaft zu integrieren, recht genau auslegen. Über das vom Vietnam-Büro propagierte Integrationsmodell – halbtags Sprachkurs, halbtags Werkbank – ist inzwischen sogar ein Streit der „Schulen“ entbrannt.

Die Verfechter des Halbtagsmodells gehen davon aus, daß nur so eine rasche Integration erfolgen kann. Wer nach dem Sprachunterricht seine Kenntnisse an einem Arbeits- und Ausbildungsplatz praktisch verwerten könne und den deutschen Alltag nicht nur von der Schulbank aus erlebe, dem werde die Eingliederung in die neue Umwelt leichter fallen, als wenn er viele Monate lang nach dem Unterricht sich selbst überlassen bleibe. Überdies gilt es zu bedenken, daß die für Menschen aus Entwicklungsländern zunächst völlig überraschenden Segnungen des deutschen Sozialrechts nach einer gewissen Gewöhnungsphase allzuleicht dahingehend mißverstanden werden können, so ginge es nun immer weiter. Die zunächst große Bereitschaft zu arbeiten, läßt dann rapide nach.

Die Arbeitsverwaltungen freilich sehen die Lage anders. Eine gründliche Sprachschulung sei die sicherste Voraussetzung dafür, sich später in dem bundesdeutschen Arbeitsleben zurechtzufinden. Denn ohne intensive Sprachkenntnisse sei der soziale Abstieg vorprogrammiert. Diese Beurteilung kommt nicht von ungefähr. Die Arbeitsämter haben einschlägige Erfahrungen mit den Ost-Aussiedlern: Wer von ihnen aus dem Sprachunterricht zu früh ausgestiegen ist, mußte sich in der Regel mit einem Dasein am sozialen Rand abfinden. Allerdings sollen die Vietnamesen nach dem Halbtagsmodell nicht „aussteigen“, sondern im Rahmen einer „dualen“ Ausbildung am Arbeitsplatz und in der Schule an das Leben in Deutschland gewöhnt werden.

Wie immer man diesen Streit der „Schulen“ bewerten will, eines zeigt er ganz deutlich: Ein allgemein akzeptiertes und anerkanntes Konzept zur Integration der Flüchtlinge gibt es bislang nicht. Aber selbst wenn sich das sogenannte Halbtagsmodell als richtig erweisen sollte, es könnte vorerst aus bürokratischen Gründen nicht praktiziert werden. Die Sprachförderung sieht nämlich eine Kostenübernahme nur für einen Vollzeitunterricht vor. Wer nur an halben Tagen die Sprache erlernen will und gleichzeitig arbeitet, kann nicht mit staatlicher Hilfe rechnen.

Daß ungewöhnliche Situationen auch ungewöhnliche Maßnahmen erfordern, diese Erkenntnis gilt nicht für deutsche Behörden. So ist es nachgerade ein Skandal, daß die gesetzlichen Grundlagen zur Unterhaltshilfe für die Vietnamesen noch immer ausstehen. Anspruch auf soziale Leistungen wie Kosten für den Sprachkurs, Unterhaltsbeihilfen und Ausbildungsförderung haben nämlich nur Personen, deren Asylanträge genehmigt sind. Die Bundesregierung hat zwar Ende August ein Flüchtlingsprogramm verababschiedet, nach dem die sogenannten Kontingentflüchtlinge, die von der Bundesrepublik übernommen werden, pauschal den Asylberechtigten gleichgestellt werden sollen, Gesetzeskraft hat dieses Programm allerdings noch nicht.

Arbeits- und Sozialämter können zwar im Vorgriff auf die geplanten Vorschriften operieren, da die Behörden jedoch in den Kategorien deutscher Gründlichkeit zu handeln gewohnt sind, tun sie oft lieber zuwenig als zuviel. Ein eklatantes Beispiel: In Overath bei Köln hatten sich vietnamesische Kinder bereits gut in einer deutschen Schule eingelebt. Doch statt sie dort zu lassen, werden sie nun täglich ins fernere Köln chauffiert, weil so mehrere Vietnamesen zusammen die Schulbank drücken können. Daß gerade Kinder sich gewöhnlich schnell in fremder Umgebung einleben, die Overather Vietnamesen vor Ort mithin weit besser als in Köln aufgehoben wären, haben die Schulbehörden nicht bedacht.

Eine andere Erkenntnis, die von einigen Arbeitsämtern gewonnen wurde, könnte ganz fatale Folgen haben. So erweist sich der Umstand, daß viele Flüchtlinge zunächst einmal dort untergebracht wurden, wo es ausreichende Unterkünfte gibt, spätestens dann als ein Nachteil, wenn es gilt, nun auch einen Arbeitsplatz zu vermitteln.

Arbeitsamtsleiter Anders aus Bad Kreuznach jedenfalls nennt das als den Grund, weshalb das Arbeitsplatzangebot von Michelin nicht verwirklicht werden konnte. Nicht wenige Flüchtlinge, die durchaus willens wären, eine Arbeit aufzunehmen, scheuen einen weiteren Umzug, nachdem sie gerade begonnen haben, sich in ihrer neuen Umgebung heimisch zu fühlen. Dieses Problem dürfte noch akuter werden, wenn die Vietnamesen nach Abschluß des meist neun bis zwölf Monate dauernden Sprachkurses ohne gleichzeitige Eingewöhnung via praktischer Arbeit vor der Frage stehen: Was nun? Dann droht entweder ein neuerlicher Exodus von einem Ort zum anderen, oder aber sie bleiben ohne Job erst recht sich selbst überlassen. Daß dann eine „Sozialhilfe-Mentalität“ entsteht, ist fast unvermeidlich.

Zwar bemüht sich die Bundesregierung sichtlich, nun wenigstens nachträglich ein Konzept zur Integration der Flüchtlinge zu erarbeiten. So soll geprüft werden, ob eine Stiftung nicht dazu beitragen könne, die Integration zu beschleunigen. Für viele Vietnamesen, die nun schon seit über einem Jahr in der Bundesrepublik leben, käme diese Stiftung allerdings sehr spät. Darüber hinaus ist auch noch unklar, ob sie je gegründet wird. Das Bonner Innenministerium, Koordinationszentrale für alle Flüchtlingsfragen, verhandelt derzeit darüber mit den Ländern und gibt sich äußerst skeptisch: „Die Länder sind sehr zurückhaltend.“