Vor 25 Jahren, am 30.11.1954 starb Wilhelm Furtwängler
Jrei und doch nicht exzentrisch
Ein Hommage Von Alfred Brendel
Unter den Dirigenten, die ich gehört habe, ist Furtwängler mir der wichtigste geblieben. Der Eindruck seines Musizierens ließ den Rahmen der symphonischen Literatur weit hinter sich zurück; Ihm vor allem verdanke ich meine professionellen Maßstäbe. Nicht, daß ich ihn persönlich gekannt hätte. Als Furtwängler starb, hatte meine Karriere gefade erst begonnen, und die Partnerschaft mit einem so ausgeprägten Meister hätte einen Anfänger vielleicht eher gehemmt als gefordert. Meine Erinnerung an Furtwängler gründet sich auf Konzerte in Wien, Salzburg und Luzem, auf Opernaufführungen und Rundfunkübertragungen. Tonbänder und Schallplatten haben diese Erinnerung unglaublich lebendig erhalten, ja über die Jahre hinweg noch ergänzt und vertieft.
Man sollte, wie ich meine, in Furtwängler den außerordentlichen Dirigenten erkennen und sich dabei nicht beirren lassen von manchen anderen Aspekten seiher Persönlichkeit—■ von jener des Komponisten etwa, oder der des Schriftstellers und Brief Schreibers, oder auch jener des Denkers (soweit dieser Begriff auf Furtwängler außerhalb der rein musikalischen Sphäre überhaupt zutrifft). Man lasse sie ebenso aus dem Spiel wie den Patrioten Furtwängler und die Privatperson dieses Namens, sei sie nun kindlich oder kultiviert, im höchsten Grade reizbar oder anziehend, „politisch" oder „unpolitisch" gewesen. Große Musik hat sich noch nie durch die menschliche Beschränktheit jener, .-■ die sie hervorgebracht haben,,erklären lassen. Zum jungen Hans Mayer, der über Wagners Charakter schimpfte, sägte Alban Berg: „Sie haben's leicht, Sie sind ja kein Musiker."
Im Gegensatz zu Wagner war Furtwängler bestimmt -kein Bösewicht. Es wird trotzdem notwendig sein, sich von einigen seiner Ansichten zu distanzieren. Ich beginne mit Furtwänglers Vorstellung von der Auserwähltheit des deutsehen, Wesens. Sie erinnert mich an jene zeitweilige Wahlverwandtschaft von Deutschen und Juden, auf die Nahum Goldmann hingewiesen hat. „Beiden Völkern ist eigen", sagt Goldmann, „daß sie nicht nur in der Weltgeschichte wichtig waren, sondern sich selber ungewöhnlich wichtig nahmen und nehmen. Sie sind sich ihrer Wichtigkeit übertrieben bewußt und auch noch stolz darauf." Wohin dies bei den Deutschen führte, ist bekannt.
Ist das ganz Große niemals neu?
Distanzieren wird man sich auch vom literarischen Urteil Furtwänglers, den seine Vertrautheit mit Homer,- Shakespeare oder Goethe nichj. dkrtö hinderte,"FigurSö wie'PSuTErnst, Charles M&Pg&n,- Josei&Weijlfaete ÄÖ«F«nk ; Thiess *<ier Bewunderung würdig zu finden. Anzuführen ist ferner die Goethe nachempfundene, außerordentlich irritierende Behauptung, das ganz Größe sei niemals neu. Furtwänglers Sichfestklammern an der tonalen Harmonik, am Erbe der klassischen und romantischen Symphonie, an der Forderung nach „volkstümlicher Verständlichkeit* selbst neuer Kompositionen sucht hier ihre Rechtfertigung. So verstellt sich ihm, trotz seines Einsatzes für Werke Schönbergs, Strawifiskys und Baftoks vor 1933, die Sicht für die Errungenschaften der neuen Musik. „Ein Komponist ist, wer sein eigenes ,Volkslied' schreiben kann" — diese Kalendernotiz Furtwänglers schließlich bringt ihn in gefährliche Nähe zu denen, die in der Musik ein lenkbares politisches Werkzeug erblicken.
Furtwängler hielt sich in erster Linie für einen Komponisten und erklärte immer wieder, er würde mit dem Dirigieren aufhören, um endlich ernsthaft zu arbeiten, das heißt sich ganz der Komposition zu widmen. Daß ihm dies nicht gelang, wird man kaum dem Erfolg des Dirigenten oder der Nichtbeachtung des Komponisten Furtwängler zur Last legen. Eher wird eine kritische Instanz in ihm dafür verantwortlich gewesen sein, daß.er, gegen seine sichtbare Überzeugung, das tat, wofür sich seine Begabung so unvergleichlich anbot. Was allein an seinen Kompositionen denkwürdig bleibt, ist, daß sie Furtwängler in die Lage versetzt haben, die
\rsraa Arw*irln :tttüt& *Jlic Ärrräet DM34.- Der neue Roman des großen brasilianischen Schriftstellers Amado: eine turbulente Geschichte um eine hinreißende, sinnliche, fröhliche und leben* kluge Frau - erzählt mit einer SDrudelnden Fabulierkunst.
Musik, die er dirigierte, vom Standpunkt des Komponisten aus zu erleben.
Jenen von uns, die den Zugang zur Musik nicht auf dem Umweg über Literatur, Philosophie oder Ideologie suchen, bleibt Furtwängler unersetzlich. Hätte es ihn nicht gegeben, wir hätten ihn erfinden müssen: den Interpreten, dessen Aufführungen ein Musikstück als etwas Komplettes ausweisen,, etwas in allen Schichten Lebendiges, das jedes Detail, jede Stimme, jede Regung rechtfertigt durch ihren Bezug zum Ganzen. Das Vorurteil besonders angelsächsischer Kritiker, Furtwängler habe sich gern in. der Episode verloren und Einheit und Zusammenhang dem gefühlvollen Augenblick geopfert, trifft auf ihn am allerwenigsten zu. Kein Dirigent war zugleich freier und weniger exzentrisch. Kein Musiker in meiner Erfahrung vermittelte starker das Gefühl, es sei mit dem ersten Takt das Schicksal eines Meisterwerks (und seiner Wiedergabe) besiegelt — und es habe sich mit dem letzten Takt erfüllt. In aller spontanen Verschiedenheit wuchsen Furtwänglers Aufführungen immer aus dem Keim ihres Beginns. Sie wirkten „natürlich", wenn man dem Künstler zugesteht, daß er wie die-Natür, oder-analog zur MaÄr^verfährtilSfe'sfÜliMeit-iuM'Cöää wie zu einem Bj^nrüpiegeL'^jemer jjawdijießeöden Kon* zentratioh innerer :Kräfte, zumal in den ersten Sätzen der großen Moll-Symphonien —• der Neunten, der Unvollendeten, der g-moll-Symphonie Mozarts. Das Leben eines Musikstücks, so fühlte man dann, sei zu Ende gelebt, und die Coda zöge daraus die tragische Bilanz.
In unserer Zeit, deren Denken zunehmend von Sprachphilosophie und Linguistik geprägt wird, vergißt man leicht, daß man auch ohne die Hilfe der Sprache organisiert denken kann. In seinem rein musikalischen Bereich scheint mir der Dirigent Furtwängler ein Denker sondergleichen; als Schriftsteller, der über Muiik nachdenkt, überzeugt er mich dagegen selten. Er selbst sagt dazu: „Ich kann mich nicht in ein Werk vertiefen, um es richtig und mit Liebe darzustellen und zugleich darüber sprechen."
Dennoch gelingt hie und da ein Blick in die innere Mechanik seines Berufs. Über das musikalische Verhältnis vom Einzelnen zum Ganzen notiert Furtwärigler: „Erfordernis ist, daß beides, Einzelnes wie Ganzes, durch das lebendige Gefühl hindurchgegangen ist. Manche gibt es, die die einzelne Phrase nachfühlen können; wenige nur, die dies der Gesamtlinie einer längeren Melodie gegenüber können; fast niemand, der dies dem Gesamt des wirklichen Ganzen gegenüber, wie es die großen Meisterwerke darstellen, vermag. Es gibt aber eine allzu praktische und daher heute allgemein in Aufnahme gekommene Art, sich überhaupt mit nichts mehr auseinanderzusetzen, alles rein referierend .., wiederzugeben ... Di e Fehlerquellen sind hier weitgehend verringert, die Möglichkeiten echter, verpflichtender Kunstwirkung aber im selben Grade."
Einen anderen Hinweis auf den Charakter seines Dirigierens findet man in einem Brief an den Mentor seiner Jugend und lebenslange Leitfigur, Ludwig Curtius, aus dem Jahre 1946. Er entwirft darin das Bild eines Kunstwerks, „das voni Wesen des ganzen Menschen aussagt, und nicht nur von seinen Nerven, der. Schärfe, seiner Beobachtung, der Unerbittlichkeit seiner. Schlußfolgerungen, der Feinheit und Sensibilität seiner Sinne Zeugnis gibt".
Meister des musikalischen Übergangs
Groß, schlank und leicht nach rückwärts gelehnt, schien Furtwängler, vor dem Orchester stehend, weite Räume zu überblicken. Sein überlanger Hals k la Modigliani unterstützte noch dieses Bild. Furtwänglers Schlagtechnik hatte, zumindest in den Jahren nach dem letzten Krieg, mit jeher der heutigen Dirigenten wenig gemeinsam. Sie Wa,r ein Resultat •köißerlicHer :Sat- ausgestreckten A'rirte .tötäe^'''E < r'gföünlfche^* p 'b6r wirken, nämlich Klänge von einer elementaren Gewalt, wie ich sie seither nicht erlebt habe. Die Vorstellung eines „Jupiter tonans" drängte sich dann auf: Dem Donner Furtwänglers ging jeweils der gezackte Blitz seines Niederschlags voraus.
Der Klang folgte dem „Schlag" (sofern man von einem solchen überhaupt sprechen konnte) mit merkbarem Abstand. Je größer dieser Niedersehlag, um so hellseherischer hatte das Orchester den rhythmischen Befehl zu erraten. „Der einzige Dirigent", erklärte Furtwängler, ,„der überhaupt nichts Verkrampftes an sich hatte, war Nikisch, dessen Schüler ich mich in diesem Punkt zu sein bemühe. Sehr merkwürdig ist ja, daß alle Muskelkontraktionen des Dirigenten sich im Klang des Orchesters wie auf einer photographischen Platte abspiegeln."
Furtwänglers scheinbar unpräzise Technik war in Wirklichkeit das Ergebnis praktischer Überlegung. Sie bereitete vor: den Charakter des Klanges, die leichte Verzögerung eines rhythmischen Akzents, die allmähliche Veränderung von Tempo und Atmosphäre. Sie ermöglichte erst seine vielleicht geheimnisvollste Fähigkeit, nämlich zu verbinden. Furtwängler war der Meister des musikalischen Übergangs. :
Was macht seine Übergänge so aufregend und persönlich? Die seltene Tatsache, daß sie ihre Funktion erfüllen. Sie sind mit größter Sorgfalt modelliert und werden doch nie zum Selbstzweck. Man kann sie nicht isolieren, denn sie sind nicht eingefügt zwischen zwei verschiedene Abschnitte. Sie wachsen aus' etwas heraus und ia etwas jihin|^ Sje;,|^;jfhai^t|;e.-dei ; J ^ T " ''Wenn. sniiv sehr.' genau* BihKoJW'^lfaÄtuivpftr merken, daß eine Modifikation des Tempos oft schon viel früher beginnt als üblich; erst nach einer Periode unmerklicher Vorbereitung gibt sie sich zu erkennen. Furtwängler hat seine Meisterschaft in der Veränderung der Zeitmaße bis an die Grenzen des Möglichen genützt. Im Gegensatz zu den abrupten, willkürlich-diktatorischen Rückungen Mengelbergs bleibt Furtwängler dabei immer der großen Linie verpflichtet, die über alle Brucknerschen Gener,alpausen hinausreicht. Selbst dort, wo mir in Furtwänglers Temppmodifikationen das Pendel zu weit ausschlägt, wie im ersten Satz von Beethovens Vierter Symphonie, kann ich die Oberzeugung und Souveränität^ mit der sie vorgebracht werden, nur bewundern." ....'.
Veränderungen des Tempos sind enthüllend: Nichts legt die Schwächen-des Interpreten erbarmungsloser bloß. Bei Furtwängler, wie bei Pablo Gasais, Alfred <Zortot oder Maria Callas, sind -sie oft Zeugnisse überwältigender rhythmischer Kraft. Es wäre allerdings falsch, Rhythr mus von anderen musikalischen Elementen unabhängig zu betrachten. Soll Rhythmus mehr sein als ein abstraktes Schema oder primitive Besessenheit, wird er. geprägt sein müssen durch Artikulation, Farbe und Charakter. Er wird bestimmt sein durch die Reaktion des Interpreten auf harmonische Vorgänge und durch jenen, heute so selten gewordenen, Sinn für ein cariiabile, das Musik in weitestem Ausmaß durchdringt. " '"'■' • • .
überging. Auf einem Hölzvergaser last wagen wurden wir nach Hause transportiert, bedeckt von einer riesigen Rote-Kreuz-Flagge, die unsere Mütter zu Blusen verarbeiteten, ohne die Farbbalken.
Zwei unserer kriegsgeschädigten Unterweiser, die hervorragend auf ihren kunstvergliederten Stümpfen hatten schwingen können, sah ich später wieder. Leider wollten sie nichts davon wissen, daß wir einst zusammen gewesen waren. Eine Frau, Gemahlin eines Chirurgen, küßte mich dann auf einem Atelierfest in Ostberlin, schluchzend, ihr Mann sei längst tot. Ich erinnerte mich nicht an das Paar. Der riskante Wandel verflachte. In einem trostigen Internat, das mich sechs Jahre beherbergte, waren Schneeschuhe unbekannt. Wir kämpften mit dem Hunger und seinem Geist um Maissäcke, Brotlaibe und Lehrmittel. Einmal gelang es mir, einem verehrten Lehrer, wegen dem ich, ein Vaterfreier, in den Wäldern Sanskrit lernte, die Ski aus dem Keller zu stehlen. An diesem Nachmittag treppelte ich zwischen Felszacken an einem Abhang der Schwäbischen Alb eine Fläche zurecht und zeigte, was noch in mir war: Temposchwung, Sätze über Höcker, runde Bögen und summendes Ausbeugen, eines staunenden Publikums gewiß, das sich unten angesammelt hatte. Eine Woche danach, als der Schnee getaut war, durfte ich während eines Spaziergangs meine große Liebe Mahand von Koschnitz umarmen, jüngste Tochter einer geflüchteten Großgrundbesitzersfamilie.
Ich ging in die Staatsschule, hatte meinen Platz in dem evangelischen Internat infolge vielfachen Diebstahls verloren und arbeitete nachts als Aushilfslöter in einer Maschinenfabrik, dem kindlichen Atem der Freiheit gründlich mißtrauend. Mein Gönner Ulrich Freiherr von Friedebrecht, damals noch zukunftsträchtiger Assistent am Max^Planck-Institut von Westberlin, der mit Hilfe von Isotopen die Eindämmungskoeffizienten in Kapilargeflechten überfütterter Ratten nachwies, schenkte mir eine Freizeit in Zürs am Arlberg.
Welcher Überschwang an Pulverschnee, Körperstolz und Sonne! Vom Schmelz der Berge schössen Läufer herab, die jegliche Schwierigkeiten meisterten, entweder in die kurzbeinige Transzendentalhocke des legendären Jean Baptiste Oreille gehend oder sich an die Technik der unsteten Aufrechtreizung wagend, die zwar raumgreifend faßte, doch bei Augenblicken von Unentschiedenheit sofort aus der Bahn warf.
Wir gafften und übten trocken, bevor wir zum Lift schritten, der sehr viel kostete. Beim Anstehen fror ich, da ich Sommerhosen eines Panzersoldaten der US-Armee trug, darüber einen gelben Pullover meiner Mutter mit zwei Reihen Holzknöpfen links und rechts von den Schultern zu den Hüften hinunter. Gerettet hat mich mein Käppi, ein weißes Vlies mit einem schwarzen Tuch darum. Seine losen Zipfel hingen freibeuterisch in den Nacken. Mein Freund und ich genierten uns deswegen nicht, nahmen uns vielmehr vor, Aufmerksamkeit oder Verachtung zu erringen.
Als wir, oben angekommen, vor uns die stechende Augenweide einer baumlosen Öde sahen, in die wir uns gleich hineinkatapultieren würden, schluchzten wir. Ein Mädchen, in durchgehendes Overallblau gekleidet, stieß einen Schrei aus und schoß vor uns davon, zuerst sacht, dann kräftiger durch die Hindernisse kurvend, was uns eine gehörige Portion an Selbstbescheidung vermittelte.
Dieses Mädchen verfolgte ich tagelang mit Darstellungen, daß ich einst Mitglied der letzten und jüngsten Nationalmannschaft gewesen war. Verbissenheiten sammelten sich im Kopf, doch ich vermochte die junge Herzogin, und um eine solche konnte es sich nur handeln, bei allen Manövern nie zu erreichen, zum Abkürzen auch in unbefahrene Felder ausscherend, wo ich dann in Schrunden und Spalten landete. Wenn ich im Tal ankam, hatte ich Eiszapfen wie ein Grönlandpony an den Hosen.
Ulrich Friedebrecht und ich schliefen in der Scheune eines Bauern auf Strohsäcken unter vier langen Decken. Gegessen haben wir Mohnflecken und Speck, ein Nahrungsgemisch, das erst nach einer Woche durchschlug. Wir waren nicht mehr gut zu Fuß. Trotzdem versäumten wir keinen Five-o'clock- Tea in dem einzigen wiedereröffneten Hotel des Orts, polterten an der Garderobenfrau vorbei, bestellten am kleinsten Tisch einen halben Liter Sekt, ein Maß, das eigentlich nur Einheimischen ausgeschenkt wurde, und tanzten in existentialistischem Kerzenlicht zum Gesang einer fernen Geliebten Sartres, bis ich endlich der jungen Herzogin nähertreten konnte.
Das Drehen und Holpern in den schweren Stiefeln machte gleichwertig. Ich flüsterte von Wachsgeheimnissen für den nächsten Tag, sie schwieg und lächelte, wie es für ihren Stand üblich zu sein schien. Ein paarmal streifte mich unreiner Atem aus ihrem Perlenmündchen, eine Selbstverständlichkeit in Zeiten der Magenleere und Zahnpastaarmut.
An einem engstirnigen Morgen aus Begierde und Träumen traute ich mich in die Pension des Mädchens, welches beileibe keine Freifrau war. Es hing gerade einen kalt ausgewaschenen Schlüpfer an den Ofenschirm und bot mir zitternd ein Näpfchen voll Müsli zum Frühstück an, untadelige Angestellte eines Freidenkervereins aus Konstanz, der unter dem Patronat des französischen Besatzungsheeres stand. — Erbarmen und Vergessen ohne Arlberg-Pokal.
War ich oft so aufgeregt? Ich glaube schon und möchte es auch wieder sein. Meine verschiedenen Stiefel und Ski bleiben jedoch in der Kammer hinter der Küche, denn im Zeitalter Bayerns, dem ich noch angehöre, herrscht eine Art Pest:
Der Zwang, sich jedes winterliche Wochenende an einen vereisten Hang zu begeben, wo in langen Reihen die neuesten Artistinnen und Drachenflieger anstehen bis zur Wiedererweckung der einsamen Monadentheorie, oder sich auf einen Gletscher zu wagen, der inzwischen auch
zu bevölkert ist.
Vor zwei oder drei Wintern, mitten im Januar, konnte ich aufatmen. Schnee fiel, deckte die uns plagenden Würste der Stadthunde zu, dichtes Flockengestöber verschloß Gestank, Geschmier und Geräusche. Auf der Straße grüßten sich die Leute mit Hauben auf dem Kopf wie einst. Wer ausglitt, fiel nicht, wurde gestützt. Einige, die der vielen Luft mißtrauten, waren wie betrunken. Ein Lehrling, den ich kannte, gab mir zum erstenmal die Hand, weil er sich festhalten mußte.
Der Triumph hieß: Pistenlosigkeit und Autoferne, ein Zustand, den ich aus einem Brief paket einer Freundin kannte, die schilderte, daß ihr Mann, ein Mischling und Lehrer in Bronx und keineswegs ein geübter Skifahrer, neulich durch die Hauptstraßen von Manhattan geglitten sei. Niemand habe ihn daran gehindert, im Gegenteil. Ein alter Norweger sei hinter ihm in der Spur gewesen, um ihm zu erklären, daß er sich auf falschem Wachs bewege.
Den beiden gelang es, aus einer italienischen Pizzadiele eine Obstkiste zu ergattern. Sie entfachten ein Feuerchen auf dem Bürgersteig, mischten Teer und bekamen Zuschauer, zwei Finnen, eine Österreicherin und einen russischen Diplomaten, die sich um die Zusammenstellung der harten Temposorten an Spitzen und Enden der Ski und um die hauchfeine Dosierung eines nach Bienen duftenden Kleisters unter der Bindung stritten.
Wetten wurden abgeschlossen, ferne Verwandte und durchtrainierte Schachmeister zitiert. Zuletzt hatte der Gatte meiner Freundin genügend Stollen unter den Füßen und vermochte in der absoluten Senkrechten das tief herabgezogene, noch nie bestiegene Aluminiumvordach einer Bankfiliale zu erklimmen, auf dem er begeistert und publikumswirksam so lange saß, bis eine sanft tauende Lawine ihn gegen Mittag wieder herunterrutschen hieß. Ein jüdischer Taxifahrer fing ihn auf und brachte ihn, samt Brettern, nach Hause, fast unentgeltlich.
Die deutsche Variante exotischer Skifahrerei war für mich ein überraschender Schneefall in Wietzenbruch, wo ich mit meiner damaligen Familie wohnte. Ich lieh mir grausam klobige Ski im einzigen Sportgeschäft von Celle, steckte Brot und Suppenwürfel ein, altbekannte Dauernahrung für Extremläufe, und stob davon. /
Obwohl ich keine Zuschauer hatte und außerdem noch, spuren mußte, da* dort nicht einmal. Förster sich per Schneeschuhe auf den Weg trauten, führte ich,.'wenigstens mir selbst'Zur Feier, die verschiedenen Weisen fortgeschrittener Technik vor:
Den doppelten Stockeinsatz bei leicht verharschter Oberfläche; schnelle Trippelschritte bergauf, obgleich es kaum genügend Steilen gab; das Schlurren in der Ebene im finnischen Stil, wobei der Kopf nach vorn gereckt bleibt, eine sture, doch fließende Anstrengung; der norwegische Holzhackerwechsel, der nach völliger Verausgabung sich unorthodox mit aufgerichtetem Oberkörper wieder Kraft holt; und meine Allgäuer Privatpumpe, eine Schieberei bei unschöner Rücklage, die allerdings Blicke in die Umgebung gestattete, für einen Schriftsteller eiserne Pflicht.
Hasen verharrten erschreckt in Furchen, von Rübenmieten brachen Frostmützen ab, Krähen senkten sich im Flug neugierig hernieder und Bauern, an deren Höfen ich nahe vorbeikam, traten vor die Tür, stumm und verdutzt, wer sich wohl freiwillig über ihre Felder mühte.
An mein Ziel gelangte ich nie, vierzig Kilometer weit, nach Bargfeld zu Arno Schmidt, dem Heroen meines Berufs. Ich war mir sicher, daß der Einsiedler mich empfangen hätte, wenn ich am Zaun seines Kleinbürgeranwesens gehangen wäre, verschwitzt und erschöpft mit den für ihn fremden Brettern klappernd. Das Wetter wandte sich, sachter Regen fing zu fallen an, der Schnee versank in den Äckern, und ich mußte mit schwarzer Erde nebst ausgerissenen Keimlingen der Wintersaat kämpfen. Kloben ballten sich um die Stiefel, so daß mir nichts anderes, übrigblieb, als auf der nächsten Straße mit geschultertem Wintersportgerät zurückzugehen.
Höhepunkt solcher Narretei wäre für mich die Teilnahme am Gustav-Wasa-Lauf, eine Langstreckenschinderei von über neunzig Kilometern von Sälen nach Mora, benannt nach jenem König, der 1521 auf pastoralen Birkenhölzern vor den Dänen flüchtete und dann, laut Lexikon, „einen Befreiungskampf ins Werk setzte".
Über diesen jährlich stattfindenden Gemeinschaftsprunk gibt es viele Berichte. Der beste, den ich kenne, stammt von Justus Maria Linder, zur Zeit, glaube ich, Staatssekretär oder Pressesprecher des bundesrepublikanischen Ministeriums für Gnade und Gerechtigkeit, wie dasselbe auf italienisch hieße.
Der Zeuge berichtet von einem Charterflügzeug voll Verrückten, über bereits in der geräumigen Jumbo-Maschine beginnende Wachsorgien, auch Lamellenund Schuppenabhoblereien an Kunststoffskiern. Schlaflosigkeit und Nervenfieber in Jugendherbergen schlössen an, frühmorgens Massenstart bei kaltem Bocknebel auf 50 Parallelspuren für etwa 8000 Läufer. Vorn jagte die Elite davon, dahinter gab es Verknäuelungen, Stürze, Weinkrämpfe, Brüche und Stockspitzwunden, bis das Feld sich nach einer Stunde auseinanderzog, hinein in die erhabene Landschaft der Krüppelkiefern, Endmoränen und hexenhaften Buschinseln.
Linder, gut vorbereitet durch sympathisch sich steigernde Läufe am Rand der Elbe, zuletzt bis zu deren Einmündung ins Meer, schloß sich einem Trupp Franzosen an, die gefleckte Anzüge trügen, Fallschirmjäger oder reiche Geländesnobs.
Nach mehrfachen Überholungen, auch gestärkt von Pausen auf Baumstümpfen, lief Linder neben einem Ziemlich kurz geratenen Einheimischen her, dessen Knebelbart von Atemdampf vereist war. Mehr Schwierigkeiten bereitete die Brille des koboldhaften Gefährten, die keine beheizten Scheibenwischer besaß, ein industrielles Manko.
Die beiden sprachen, außer sich in beinahe nicht mehr anwesender Körperlichkeit, über frühe Kammermusik, die Eigenbedeutung von Streichund Blasinstrumenten in Duos, Trios oder Quintetts, und sie diskutierten schließlich die Möglichkeit einer Anwendung der Theodizee auf ihren Zustand, warum das physische und moralische Übel immer noch in der Welt herrsche, im Gegensatz zu Gottes Allgüte, laut Epikur genießerisch folgendermaßen gespalten:
Entweder will Gott das Böse aufheben, aber er kann nicht; oder er kann, will aber nicht; oder er will weder, noch kann er; oder er will und kann auch. Leibniz hatte sich des Problems auch angenommen und war deswegen von Kant verhöhnt worden. Die Verquickung der Gedanken entsprach den Verflüchtigungen ab Kilometer 50, als Lars Gustafsson, und jener war Linders Begleiter, philosophischer Dichter und Freund frühester Modelle von Theodoliten und Bergwerksmechaniken, einen Schwächeanfall bekam und außerdem noch, obwohl er um die Wirkung wußte, von den an der. ganzen Strecke aufgestellten Applausund Nahrungsgebern auch noch Heidelbeersuppe nahm, eine tückische Sitte, die Linder und ihn beiseite in den Tiefschnce trieb, wo schon andere gleich Reihern ihr Gestöber hinterlassen hatten.
Taumel bis zum Rest, Geseufze und egozentrisches Hohngelächter, während die Spitze nach dreieinhalb Stunden in Mora längst angekommen war, was einem Stundenmittel von Fahrradlern auf geteerten Straßen entsprach.
Linder schreibt, daß er nicht mehr wußte, wo er gewesen sei. Er habe seine Frau in der Hamburger S-Bahn gesehen, sich selbst als Zehnjährigen auf der Krümmung einer Indianersteppe, außerdem habe er, entgegen allen Kräfteverhältnissen, eine Erektion bekommen, letzte Zuckungen wie bei einem Gehenkten.
Verglasung am Ziel, keinen Platz in den brodelnden Notquartieren, verzehrender Durst nach verflüssigten Salzen, um den Zellhaushalt zu-, rechtzuschaukeln; wiederum Schlaflosigkeit und Euphorie, dumpfes Erschöpfungsgeschick auf dem Flug heimwärts, das Nachrechnen der Ausgaben, dann Landung in der kleingehackten Wirklichkeit der Stadt, umspült von warmer Luft.
Was gäbe es nun noch für mich? Jedenfalls das Sitzenbleiben in einem nicht endenwollenden Roman, der schon sechs Jahre verschlungen hat und noch einmal so viel Zeit brauchen wird. Doch wenn bei uns auch einmal ein New Yorker Winter gedeihen konnte, werde ich nicht scheuen, mich in einem Taxi in den Englischen Garten bringen zu lassen, um dort eine frische Spur zu legen, hinauf zum Haus der Kunst und in einem rasenden Bogen bis zum Kleinhesseloher See zurück, an dem schon ganz andere sich besannen, wie es in einem hübschen Gedicht von Wolf Wondraschek heißt: ,
Hier weilten große Dirigenten und hatten endlich beide Hände in den Hosentaschen.
Hier wollte Rilke sich wie Gott verschwenden und litt, daß er dem Schwan nicht ebenbürtig war, der wie im Wahn an ihm vorüberglitt. Und dann und wann kam Thomas Mann und fütterte die Enten.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 30.11.1979 Nr. 49
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