Der Mythos vom Thanksgiving

Das Erntedankfest ist Amerika heiliger als Weihnachten von Barbara v. Jhering

Von Barbara v. Jhering

New York

Der zehnjährige Brendan wußte schwer Bescheid. Seinen Eltern, mit denen er erst vor einigen Monaten nach Amerika gekommen war, servierte er zum Truthahnessen seine Kentnisse von Ursprung und Tradition des amerikanischen Thanksgiving am 21. November. In der Schule hatte er von den Pilgervätern gehört, die sich am Ende ihres ersten Sommers zum Dankesmahl niedergelassen hatten – so wie es alljährlich von kostümierten Schauspielern in Plymouth, Massachussetts, nachgestellt wird. Auch über die Indianer konnte Brendan berichten, die den Pilgervätern über den ersten Winter geholfen hatten und später zum Dank abgefüttert wurden (was – aber das wurde Brendan natürlich nicht erzählt – die letzte Wohltat gewesen sein dürfte, die den Rothäuten angetan wurde).

Soweit die Schulweisheit über das Erntedankfest, das den Amerikanern so wichtig und weit heiliger ist als Weihnachten. Allerdings: Den Gelehrten, die schon ein paar Examensrunden weiter sind als Brendan, scheint der ganze Mythos vom ersten Thanksgiving ominös. „Eine Plage“, kommentiert Lawrence Picer von der Pilgrim Society, die 1820 gegründet worden war, um das Wissen von den ersten Gehversuchen der Mayflower-Besatzung zu fördern, dieser Tage im der Legendenbildung unverdächtigen Wallstreet Journal. In der voluminösen Geschichtsschreibung über die Pilgerväter fanden sich genau drei Absätze über dieses sagenhafte Erntedankfest. Und demnach scheine es, als hätte man drei Tage lang zwar kräftig zugelangt, aber von Dank an Gottvater oder Mutter Natur sei keine Rede gewesen. Nach der Völlerei habe es im übrigen ein böses Erwachen gegeben. Beim Zählen der Vorräte für die Wintermonate habe man festgestellt, daß tiefer in die Töpfe gelangt worden war als ratsam, woraufhin die Mannschaft auf halbe Ration gesetzt worden sei.

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Mag der ursprüngliche Ablauf des Thanksgiving auch unklar sein – dem Gelage bleibt dieser Tag bis heute vorbehalten. 40 000 Truthähne mußten im Jahr 1979 ihr Leben lassen, wie Statistiker flink errechneten. Die gebratenen Vögel bildeten den Mittelpunkt von einer Tafel, die unter einer Unzahl von Schüsseln mit traditionellen Beilagen wie süßen Kartoffeln, Kürbismus und Kronsbeeren zu brechen drohte. Als einziges Fest, das der Nahrung gewidmet sei, beruhigte die Washington Post kalorienbewußte Leser, erinnere es an manches gute Hausrezept, das für Leib und Seele bekömmlicher sei als die Snack-Kultur unserer Tage.

Thanksgiving – das ist in den USA aber auch mehr als hemmungslose Esserei. Es ist gleichbedeutend mit Familienzusammenführung und Aufwärmung im allerengsten Freundeskreis. Da fahren Collegestudenten nach Hause und sogar mancher „swinging single“ aus New York, den man für den Rest des Jahres nicht mit Banden ans Elternhaus in Zusammenhang bringt. Sie kommen ohne Geschenkzwang, denn der gilt erst für Weihnachten. Die Aufgabenteilung scheint vernünftig: Da die emotionalen Inhalte weitgehend an Thanksgiving zelebriert wurden, kann sich die Nation in den Dezemberwochen einer mehr oder minder fröhlichen Konsumschlacht hingeben. Am Thanksgiving-Tag kehrt sich Amerika nach innen. Die Politik hat Pause, und in diesem Jahr schienen sogar die Nachrichten aus Teheran spärlicher zu fließen. Zwei Millionen New Yorker waren auf den Beinen, und 80 Millionen Amerikaner saßen vor dem Fernseher, um die Parade aller Paraden zu sehen: In dem von Macy’s, dem größten Kaufhaus der Welt, ausgestatteten Umzug waren Mickymaus und Weihnachtsmann gleichberechtigt, Diana Ross tanzte in Jeans und Nerzjacke auf einem überdimensionalen Apfel, und eine Highschool-Kapelle aus Kentucky demonstrierte ihren Marschdrill zu den Klängen von Beethovens Neunter.

Am Abend blieb es dem Schuljungen Brendan vorbehalten, die Gäste in die Wirklichkeit zurückzurufen. Was wäre, fragte er angesichts des nur zur Hälfte verzehrten Puters auf dem Familientisch, wenn die Kinder seiner Schule alle übriggebliebenen Puter zu der Versteigerung mitgebracht hätten, die man kürzlich für die Kambodscha-Flüchtlinge veranstaltet hatte.

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