Unbefangen, so nahm ich es mir vor, wollte ich „Hunger“ lesen, den 1888 veröffentlichten kurzen Roman, in dem der damals 29jährige Hamsun quasi autobiographisch von den asozialen Umständen seiner Schreibanfänge erzählt und durch den er bekannt wurde. Die Nachschlagewerke sprechen vom Welterfolg. Der muß ja für jemanden, der in einer skandinavischen Sprache schreibt, schon mit dem Glück anfangen, überhaupt in andere Sprachen übersetzt zu werden.

Natürlich lese ich aber nie unbefangen, nie einfach nur als Leser, immer ja berufstätig, und nun bei Hamsun noch zusätzlich bedrückt von politischen Irritationen, im voraus irgendwelchen Signalen auf der Spur, die später dann den Nazis in ihre Hamsun-Verehrung geblinkt haben könnten. Aber ich fand keine. Ich wollte die fast vergessenen Eindrücke wiederfinden, und das, so viel früher natürlich nicht ermittelte, Fasziniertsein auch. Ein junger Mann will Schriftsteller werden, und dafür besitzt er, außer dieser Obsession, keinen anderen Anhaltspunkt. Zum Zeitpunkt seines Berichts, über einen schlimmen Herbst und einen schrecklichen Winter, fristet er sein Notdasein, mittellos zwischen den seltenen und schnell verbrauchten Honoraren für die paar Feuilletons, die er seiner miserablen äußeren und inneren Verfassung abzwingt, dann bittstellerhaft beim gleichgültig-freundlichen Redakteur anzubringen versucht. Als Oslo noch Kristiania hieß, am Ende des letzten Jahrhundert, hat dieser Wunschbesessene keine noch so bescheidene Vorform von sozialen Netz unter seinem Absturz wissen können. Vielmehr spürte er eine absolute Verlorenheit inmitten der kleinmütigen, spießbürgerlichen Außenwelt, in der ein sensibilisierter Einzelner, einer, der sich mit übergreifenden und unalltäglichen Absichten folgerichtig isoliert, ja eigentlich nur scheitern kann.

Hamsun, der selber nicht in Kristiania, sondern in Paris zum Outlaw herunterkam, wählte mit „Hunger“ einen zugleich lapidaren und bescheidenen Titel, und auch aus dem Text selber bläst ein lakonischer Sprechton jedes Pathos heraus, das dem feierlich-höheren Ziel, ein Dichter und berühmt zu werden, ja geradezu innewohnt. Der dauernd auch selbstironische Ich-Erzähler hat beim unvermittelt beginnenden Bericht eine Geschichte des gesellschaftlichen Abstiegs schon hinter sich. Selbstgesprächsartig wechselt er die Tempi. Größere Menschheitsgesten läßt er völlig weg. Das hat mich verwundert. Wie gefährlich nah hätten wichtigtuerische Gebärden gelegen. Schließlich hungert sich da einer durch, bloß um einem Ideal zu folgen! Einer will dringend schreiben – und er memoriert die erhabensten Titel und Themen – und übt Verzicht, quält sich bis in Wahnzustände darbend ab!

Dem Elend schwindelt er keinen illuminierenden Reiz an. Es geht ihm in jeder einzelnen, sich selber und dem Leser gewissermaßen miterzählten Tagesstunde auch ums Schreiben, aber erst recht um ein paar Öre, auch um Selbstachtung, aber möglichst doch gleichzeitig, besser noch vorher um ein Weißbrot, um ein Obdach; und das Wichtigste, eine vertraueneinflößende menschliche Beziehung, ist am allerschwersten zu finden. Dieses Vernünftige, finde ich, rückt das Buch weit weg von aller Sentimentalität und Larmoyanz. Hamsun spielt kein Versöhnlichkeitstheater auch beim Hoffnungsschimmer, der die kleine, hier erzählte böse Zeitspanne nur sehr blaß erhellt: eine Liebesgeschichte bleibt schon im Versuch stecken. Beim Blick auf die Menschen, von denen außer ihren Vorurteilen kaum was zu erwarten ist, und auf das angeschwärmte, doch rasch von der Not wie durch eine Geisteskrankheit erschreckte Mädchen, wird hier kein einziges Mal beschönigend herumgeblinzelt. Leser mit ihrer Dauererwartung nach tröstlichhilfreichen Fingerzeigen auf das sogenannte Positive, abverlangt den Schriftstellern und ihren Büchern, kommen beim Hamsun dieses Romans zu keinem Erfolgserlebnis. Ich finde ja allerdings wie immer, „geholfen“ wird ihnen auf diese Weise erst recht: mit der Wahrhaftigkeit. Keinerlei scheinheiliges Getue veranstaltet Hamsun, schon gar nicht beispielsweise mit den angeblich in der Nächstenliebe besser als die Privilegierten bewanderten sogenannten Kleinen Leuten, und die als heimeliger heimwehmäßig verklärten früheren Zeiten, denen eine intaktere Kommunikation hinzuerfunden wird, die geben sich als brutal und keiner Sehnsucht wert zu erkennen. Ein Armer schenkt einem Ärmeren eigentlich lieber nichts, und den Ärmsten trifft eine tiefe haßerfüllte Abwehr, wie aus Angst vor einem furchtbaren Spiegelbild, dem Anblick der eigenen, noch verschlechterten Zukunft. Und auch die guten alten lieben tabuierten Topoi, den armen Greis, die kleinen Mädchen, die schwangere Frau: Hamsun schützt sie nicht, sondern er schildert in einer trostlos ekelhaften Szene, wie die kleinen Mädchen den armen Greis als Spielzeug benutzen und quälen und wie dem Alten, indem er sie abschließend endlich bespuckt, die häßliche schlüssige Pointe einfällt.

Dieses unterste Milieu wird also ganz schön böse seziert, das idealistische Porträt vom edelmütig leidenden Künstler widerrufen. Hamsun stellt sein Roman-Ich in vielen Passagen geradezu als Paranoiker dar. Eine Physiologie des ausgehungerten Körpers ergibt so etwas wie Seelendelirien.

Hamsuns Menschenbeobachtungen würden nach heutiger Mode innerhalb einer oft ja ziemlich huldvoll-sozial und damit außerliterarisch gewordenen Kritikerpositur als „denunziatorisch“ und „menschenverächtlich“ getadelt, und der genaue Blick, der auf die obsoleten Bedingungen zwischen Menschen fällt, hieße mißbilligend ein böser Blick. Lauter Vorwürfe, die man, schrieben sie heute, womöglich ja auch Hamsuns russischen Schriftstellerkollegen machen müßte, Dostojewskij zum Beispiel, der auch keine aufheiternden Lebensrezepte ausstellte und an Hamsuns Technik der indirekten Handlungsführung erinnert: Eine so vor sich hin sprechende Tagebuchhaftigkeit bringt es folgerichtig mit sich, daß hier keine autoritäre Erzählerfigur den Leser informiert, sich um Einweihungen bemüht. Man ist mit diesem Hunger-Künstler ganz allein, schaut ihm ins Bewußtsein, wobei die Illusion entsteht, es geschähe gemeinsam mit ihm.

Den Weltekel dieses Außenseiters macht ein schwarzer Humor nicht lustiger. Aber Situationsgrotesken beleben den Text, und in jedem Augenblick ist das Tragische auch komisch. Eine irritierende Paradoxie entsteht: der Held kippt mehr und mehr aus der Wirklichkeit, zu der er sich immer unwirklicher verhält. Die szenische Begrenzung auf Stadtstraßen, Häuserfassaden, Toreinfahrten, Parkbänke, Notquartiere, Hafenkais wirkt sich als konkretisierend aus, als räumliche Ergänzung der allgemeinen Kerkerhaftigkeit. Aus einer sargähnlichen Enge versucht also der Erzähler sich zu befreien, topographisch beim kaum je unterbrochenen Umherwandern, und seelisch-geistig mit der unablässig beibehaltenen Schreibhoffnung. Die Schilderung seiner stets dann für geniedurchpulst gehaltenen Ideenanfälle und Produktionsschübe ist auch viel mehr bitter-humoristisch als gefühlvoll tränenschimmernd, und streng genau werden auch Gehirnlahmheiten beim Namen genannt. Selten wird mit so viel Selbstverspottung, fast mit Hohn, die Mühseligkeit und die Stagnation eines Schriftstelleranfangs beschrieben. Im Auf und Ab der Stimmungen überwindet Hamsuns Ich pausenlos Höhenunterschiede, er fällt aus den Paroxysmen der Verzweiflung am Existieren – Gott anrufend, den Tod ehrlich mutlos beinah wünschend – sehr realistisch übergangslos in so banale Rauschzustände wie die seiner Lebensmittelphantasien. Der fremdartige Ernst seines Humors: hier durchdringt er die Minutendetails, und er ist es, der im Bewußtsein erhellt, während das rein Handlungsmäßige eher funktional bleibt. Es kommt also wieder einmal wohl fast am wenigsten auf die sogenannte Fabel an.