Erdabgewandt

Zum Tode von Nicolas Born

Nicolas Born war ernst, und er blieb ernst, auch wenn er lachte. Das tat er gern. Und lachte manchmal ein kleines bißchen zu laut, so daß man erschrak, weil die Einsamkeit zu spüren war, aus der dieser Einzelgänger in eine Runde von Freunden kam.

„Vielleicht verstehst du meinen Ernst/vielleicht verstehst du daß ich nur manchmal übermütig bin wenn ich spüre/daß ich gehalten werde vom Verständnis derer/die nichts von mir wissen.“ Das sind Zeilen aus Borns letzten Gedichten, die er unter dem Titel veröffentlicht hat, den man wie ein Erkennungszeichen dieses Schriftstellers lesen kann: „Keiner für sich, alle für niemand

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Immer diese Stolpertitel, immer wieder Verse, die hurtigen Lesern wie Knüppel in den Weg geworfen werden. „Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen“ steht über einem der letzten Gedichte. Es spricht von einem Abend, einsam vor dem Fernsehapparat („eine Tagesschau voll von Toten“). Und nach dem Erleben, Erleiden des Todes eines anderen, eines Mit-Menschen – die Erkenntnis: „Ich trank Kaffee und war noch derselbe/ich war nicht mehr derselbe

Die Einsicht in solche Widersprüche bringt den Leser in die Nähe dieses Dichters, der als der gefüllte, sich quälende Nicolas Born nie hinter Wortgirlanden, verschwindet. „Auf Wiedersehn du alter Dichter in mir/der immer Sprüche macht wie:/Erst der Sozialismus bringt Individualismus“ – so ruft Born sich selber zu einem Gedicht mit dem Titel: „Abschied fürs Leben und Abschied für den Tod.“

Dieser Grübler, der sich jedes Wortspiel versagt, zwingt seine Gedanken immer aufs neue in logisch (scheinbar) sinnlose, poetisch wahre, widersprüchliche Formeln, die auf eine Gegenwelt von Phantasie, von Traum verweisen: „redselige Verschlossenheit“, „robuste Zartheit“, „präzise Ungenauigkeit“. Der Poet der ’68er-Generation von Schriftstellern ist am schönsten gegenwärtig im Wunschbild vom „großen Widerspruch“ der Utopie: „Das Erscheinen eines jeden in der Menge.“

Davon zu träumen hat Nicolas Born nie aufgegeben, auch nicht in den düsteren Gegenbildern der Wirklichkeit seines letzten Romans, der im Beirut des Bürgerkriegs spielt: „Die Fälschung“. Auch in dieser Treue zum einmal für richtig gehaltenen Entwurf einer besseren Welt war Nicolas Born fremd im Literatur-„Betrieb“, den er als Preis-Träger und -Juror, als Mitglied von Akademien und Autorenverbänden nicht zuletzt als Mitherausgeber von Rowohlts „Literaturmagazin“ eifrig zu bedienen schien. Doch wer ihn sah, ihn hörte, der merkte gleich: dieser 1937 in Duisburg Geborene kam aus einer anderen Welt. Born hätte sein können – der von so vielen „Bürgerlichen“ blauäugig gesuchte „Dichter aus der Arbeitswelt“. Mit sechzehn schrieb der Chemiearbeiter erste Gedichte. Ernst Meister, der im Sommer gestorbene große Kollege aus dem Ruhrpott, förderte ihn. 1965 erschien Borns erster Roman: „Der zweite Tag.“ Bekannt wurde er jedoch als Lyriker: „Marktlage“ (1967), „Wo mir der Kopf steht“ (1970). Aber erst der Roman mit dem verstörenden Titel „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ (1976) brachte ihm – nein: nicht den „Erfolg“, aber die wachsende Zahl von Lesern, die sich wiedererkannten in dem, was Nicolas Born schrieb.

„Ein langsam schönes Alter/kann ich mir schon vorstellen“, dies war der eine Traum; der andere: „Wenn ich sterbe will ich allein sein.“ Am 7. Dezember ist Nicolas Born gestorben, an Krebs, 41 Jahre alt. Rolf Michaelis

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