Neunzehnjährig verfällt Augustinus auf das Buch „eines gewissen Cicero“, cuiusdam Ciceronis. Er hat den Namen des berühmten Klassikers bis dahin nie gehört, oder tut, als ob er ihn nie gehört hätte. Ungefähr so soll hier versucht werden, über die „Bekenntnisse“ zu berichten; als wüßte ich von der gewaltigen Gestalt des Heiligen nichts, nichts von den Einflüssen auf ihn, insoweit er sie unerwähnt läßt, nichts von den Zusammenhängen, seinen religiösen, philosophischen, politischen, literarischen Wirkungen durch anderthalb Jahrtausende, nichts von der Literatur über ihn, in welch letzterer es mir freilich leichtfällt, Unkenntnis vorzuschützen. Die vor mir liegende Ausgabe bringt auf der einen Seite den Urtext, auf der anderen die von Joseph Bernhart besorgte, voll befriedigende Übersetzung. Man liest auf deutsch, das ist bequemer, und wirft einen Blick auf das Lateinische, wenn immer man von einem Paragraphen, einem Satz, einer Formulierung besonders beeindruckt ist. „Confessiones“ konnte Bernhart anders als mit „Bekenntnisse“ nicht übersetzen, obgleich der deutsche Ausdruck den lateinischen nicht in seiner vollen oder vielfältigen Bedeutung wiedergibt. Confessiones sind auch fromm, was Bekenntnisse nicht sein müssen, sind auch Beichte und Gebet. Kein „Buch“ im sorgfältig gegliederten Werk des Augustinus, in dem nicht anfangs dem Schöpfer aller Dinge gehuldigt, in dem er nicht immer wieder gepriesen würde, zerknirscht zugleich und hymnisch, in poetisch raffinierter Skala der Worte. Rousseau offenbart sich seinen Mitmenschen. Augustinus beichtet dem Herrn. Die Menschen – die mögen schon auch zuhören, wenn sie es denn wollen. Sie sind ja neugierig, was das Leben, zumal das heimlichste, ihrer Mitbürger betrifft. Aber ihre Lust, sich zu bessern, ist gering. Und um Besserung, Reinigung, Bekehrung geht es, um das neue Leben und wie es gewonnen wurde.

Keine Autobiographie also, für welche der Bischof ja auch zu jung gewesen wäre, bei der Niederschrift nur einige vierzig Jahre alt; viel weniger Memoiren oder Memorabilien, eine Gattung, die den Römern vertraut genug war. Nichts zum Zwecke angenehmer Unterhaltung. Keine Beschreibung der berühmten Städte, als er sie zum erstenmal sah, Karthago, Rom, Mailand; keine Landschaften. Flüchtig nur wird das große Abenteuer einer Seefahrt erwähnt. Menschen kommen vor, eine Menge von ihnen, und daß der Autor sie zeichnen kann, beweist er; beweist es aber nur dann, wenn die zu Zeichnenden für sein Leben, und das heißt immer für sein Leben auf das ihm selber noch unbekannte, rettende Ziel hin, eine behindernde, schädliche, oder eine hilfreiche Wirkung ausübten. Im letzteren Fall weiß er, zurückblickend, wer sie ihm gesandt hatte. Im ersteren? Darüber schweigt er. Es mag der sein, an dessen Macht er glaubt, wiewohl es beileibe keine ebenbürtige Gegenmacht sein darf, der inimicus, der Teufel. – Die schönsten Beschreibungen gelten der Mutter, Monika oder Monnica, und überzeugend sind sie.

Es steht ebenso mit den Erlebnissen, den Episoden und Anekdoten, an denen das Werk reich ist: Krankheits- und Todesfällen, frappierenden Verhaltungsweisen moderner Jugend um ihn herum, Träumen, wunderlichen Zufällen und wunderbaren, obgleich indirekten Botschaften. Sie gehören alle in den Hauptzusammenhang, welcher ein Zusammenhang werdenden Heiles ist. Es gibt Ausnahmen: Erzählungen nicht, sondern Betrachtungen, bohrende Analysen, von denen man zuerst nicht sieht, wie sie sich in den Hauptzusammenhang fügen.

Noch das Schwierigste macht Augustinus dem Lesenden leicht. Seine Sprache ist dem Latein Ciceros, der nahezu fünfhundert Jahre vor ihm lebte, erstaunlich nahe. Noch immer ein Schein von Goldener Latinität. Welch gelungene Formulierungen! Wo er, wieder einmal, von der schweren Denkarbeit erzählt, die ihm die Frage nach dem Ursprung des Bösen bereitet, spricht er von den „Qualen des gebärenden Herzens“, tormenta parturientis cordis mei. Wie er bei der Ergründung des eigenen Seelenlebens die wahrsten und auch einfachsten Bilder findet! „So konnte ich aus eigener Erfahrung verstehen, was ich gelesen hatte: ‚Wie das Fleisch aufbegehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch.‘ Mein Ich war freilich in beiden, aber Ich war mehr in dem, was ich in mir billigte, als in dem, was ich in mir mißbilligte.“ Wie er mit den Worten zu spielen weiß, noch im erhabensten Augenblick! Welch süßes Gefühl sei es, befreit zu werden von der Süße alles Nichtigen, und wer solches aus seiner Seele vertrieben habe, ER sei selber das Allersüßeste summa suavitas omni voluptate dulcior... Wie er den Gang seiner Errettung zu beschleunigen, zu verzögern, rückläufig zu machen, wieder zu beschleunigen weiß, bis hin zur letzten erschütternden Krise und Erlösung! Ein großer Schriftsteller, auf den ersten und den letzten Blick. Das dürfte er ja nun eigentlich nicht mehr sein, was wäre Kunstschriftstellerei denn anderes als Eitelkeit. Von dem angeborenen Talent, von dem auch, was er in der Jugend erlernt hatte, kommt er nicht mehr weg, und weiß es wohl auch. Er weiß so viel über sich selber, ist mit redlichem Willen, Mut, Tief sinn in die Tiefen der eigene Seele vorgedrungen; weiß aber auch und immer, daß es da Schichten gibt, noch tiefere, die ihm verborgen bleiben, aber dem nicht, dem er beichtet. – Vermutlich ist er in der Augustinus-Literatur als der erste Tiefenpsychologe mehr als einmal bezeichnet worden.

So daß es doch etwas Besseres ist als willkürliche Abschweifung, wenn er im zehnten Buch, einem Epilog wie auch die noch folgenden drei, sich in eine Untersuchung der menschlichen Gedächtniskraft einläßt. Merkwürdig nur, daß er gerade hier von dem Begriff des Unterbewußtseins, den er doch schon gefunden hatte, nicht Gebrauch macht: Was man vergessen hat, meint er, das hat man für immer vergessen, es kann nicht wieder hervorgeholt werden aus der ungeheuren Halle des Gedächtnisses, aula ingens memoriae meae, denn es ist nicht mehr darin. Wir wissen es besser. Jedoch über das Unerschöpflich-Vielfältige, das im ausdehnungslosen Räume wohnt, muß er staunen, der überhaupt ein großer Stauner ist; Abbilder vergangener Wirklichkeit nach allen fünf Sinnen, Gerüche und Töne sowohl wie Farben, und Abbilder von Abbildern, Zahlen, Messungen, Gesetze so gut wie Gesichter oder Gespräche, aber ohne die Kraft, die sie besaßen, als sie im Licht der Wirklichkeit waren, so daß die Erinnerung an Frohes traurig stimmen kann, die Erinnerung an Schmerzen fröhlich. Ohne Gedächtnis keine prudentia, kein vorausdenkendes, vernünftiges Handeln, das weiß er; ohne Gedächtnis kein Glaube, das weiß er auch.

Womit verständlich wird, warum er im nachfolgenden elften Buch zu einer ihm Schwindel bereitenden Untersuchung des Begriffs von der Zeit sich verlocken ließ. Die Gelegenheit dazu gibt ihm die Fangfrage der Sophisten, was denn wohl Gott vor Erschaffung der Welt getrieben habe; der selben Sophisten, die in Buch III ihn gefragt hatten, ob man Gott sich mit Haaren und Zähnen vorstellen müsse? (Immer die gleichen mittelmäßigen Witze. Ein Sophist des neunzehnten Jahrhunderts, Ludwig Feuerbach, fragt die Frommen spottenderweise, ob denn Gott wohl ein Mann sei, oder eine Frau, oder allenfalls ein Hermaphrodit, eines von den dreien müsse er ja sein...) Die Antwort des Bischofs ist, daß es vor Erschaffung der Welt die Zeit gar nicht gab, und folglich die Frage bloße Blasphemie sei, ohne auch nur den kümmerlichsten logischen Sinn. Was ihn dann nicht hindert, tiefer in das Geheimnis der Zeit einzudringen, mit Leidenschaft, beinahe trotzig. „Mir brennt der Geist danach, dies ungemein verwickelte Rätsel zu entwirren.“ Freilich doch, es gibt Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Gibt es sie wirklich? Zukunft ist noch nicht, Vergangenheit ist nicht mehr. Und die Gegenwart, wie lange dauert die? Ein Jahrhundert ist zu lang. Ein Jahr, ein Tag, eine Stunde sind auch zu lang. Die Sekunde, im Moment, in dem sie ist, ist schon nicht mehr – die Entdeckung des unendlich Kleinen, der Kontinuität. Was gibt es denn also? Nur Gegenwart, in drei Formen: Gegenwart der Vergangenheit, in der Erinnerung, Gegenwart der Zukunft, im Vorausdenken, Gegenwart des Augenblicks, der ständig verschwindet, indem er ankommt, und ohne den doch Vergangenheit und Zukunft nicht wären; die Zeit, aus dem Nichts der Zukunft fließend durch die Gegenwart, die zugleich ist und nicht ist, in die Vergangenheit, die ein Nichts ist. Vierzehnhundert Jahre danach hat ein späterer, ein sehr protestantischer Kirchenvater, Hegel, der seinen Augustinus kannte, aus der Verbindung von Sein und Nichtsein den Begriff des Werdens gezaubert...

Augustinus mußte beides erfassen wollen, Gedächtnis und Zeit. Denn seine Beichte geschieht kraft der Erinnerung und handelt vom Gleiten des Ich in der Zeit; aus dem Säugling in ein Kind, einen Schüler, einen brillanten zwar, er verschweigt es nicht, der leider nur schadenstiftendes Zeug lernen mußte – hier eine Verurteilung des „Bildungskanons“ –, dann einen lasterhaften Jüngling, einen jungen Mann, der gelernt hat, zu reden und die Gesetze zu verdrehen, und der trotzdem, dank Ciceros verschollenem Dialog „Hortensius“, zur besseren Philosophie geführt wird, neunzehnjährig, und zwei Jahre später sich den Manichäern anschließt, ernsthaften Leuten immerhin, wiewohl er später strengstens mit ihnen ins Gericht geht, und dann noch neun Jahre verbraucht im geistigen Treibhaus des verfallenden Imperiums, bis er endlich dort anlangt, wo Gott wollte, daß er anlangte, und ohne seine Lenkung hätte er’s nie gekonnt, und mit dem freien Willen, liberum arbitrium, ist es nichts.