Panik der Knipser

Angekündigte Verteuerung für Filme im Handel treibt die Kunden zu Hamsterkäufen

Von Wolfgang Gehrmann

Der Warenhaus-Angestellte ist bester Laune. Während er auf der Registrierkasse 140,80 Mark für einen Packen Schmalfilme drückt, blickt er begeistert über die Kundenschlange vor sich und auf die umlagerten Regale mit dem Photomaterial. Pausenlos muß eine Kollegin die Fächer mit den gängigen Farbfilmen nachfüllen. „So ist’s richtig, Leute“, ermuntert der Verkäufer die Klienten, „kauft Filme, denn nächste Woche sind sie teurer.“

Einen Absatzrekord wie in den vier Tagen nach dem 8. Januar hat der Photohandel noch nicht gehabt. Im Kaufhof an Hamburgs Mönckebergstraße wurden jeden Tag 10 000 Mark für Filme umgesetzt – das Zehnfache des üblichen Geschäfts. Warenhaus-Chef Horst Gockel am letzten Montag: „Wir sind so gut wie ausverkauft.“

Anzeige

Ausgelöst hatte den Ansturm der Käufer eine Meldung in der Tagesschau. Agfa, so hieß sie, werde Filme und Photopapiere drastisch verwerde – um bis zu dreißig Prozent. Die Fabrik in Leverkusen ziehe damit die Konsequenzen aus dem Preisschub für Silber. Das Edelmetall ist der wichtigste Bestandteil in der lichtempfindlichen Emulsionsschicht von Filmen. Spekulanten haben die Silbernotierungen binnen Jahresfrist von 350 auf über 2000 Mark je Kilo hochgetrieben.

Dann meldeten die Tageszeitungen den nächsten Schocker. In Rochester/USA hatte Eastman Kodak, vor der deutsch-belgischen Agfa-Gevaert-Gruppe Nummer eins am Welt-Photomarkt, für die Vereinigten Staaten sogar Preisaufschläge bis 75 Prozent festgesetzt. Finstere Aussichten für die Knipser, die deshalb rasch ins Kaufhaus liefen, um sich mit Filmvorräten noch zum alten Preis einzudecken.

Branchenkennern freilich fehlt der rechte Glaube an Notwendigkeit und Wirkung der Preisaufschläge. „Da macht Agfa mit den Filmen, was die Multis mit dem Öl treiben“, vermutet Wolfgang Barn von Photo Porst: „Der Silberpreis ist ein schönes Knüppelchen, mit dem die Rendite nach oben getrieben wird.“ Dem Markt könne das kaum guttun: „Jeder Knipser macht drei Filme im Jahr. Kauft er wegen der Verteuerung einen weniger, ist das Geschäft im Eimer.“

Doch so arg, das weiß auch Barn, wird es nicht kommen. Der Photomarkt ist hart umkämpft. Das letzte Sommergeschäft war nicht sonderlich gut. Die Anbieter werden sich hüten, durch zu hohe Preise den Film reißen zu lassen. Agfas hohe Preisabschläge von zwanzig bis dreißig Prozent gelten denn auch vor allem für Schwarzweißfilme und -papiere, die kaum noch jemand kauft. Ihr Silbergehalt ist mit drei bis sechs Gramm je Quadratmeter besonders hoch.

Service