Sacharow: das erste Opfer des neuen Kalten Krieges?

Die Rache der Sowjets für Präsident Carters Olympiaboykott hat nicht lange auf sich warten, lassen: Am Dienstag dieser Woche wurde Andrej Sacharows Moskauer Wohnung von KGB-Beamten und Miliz in einer Großaktion durchsucht, er selber auf offener Straße verhaftet.

Seit langem war der unerschrockene Bürgerrechtler den Machthabern ein Dorn im Fleisch. Aber es mag wohl so eine Art stillschweigendes gentlemen’s agreement mit den Amerikanern gegeben haben, das ihn schützte. Der Zorn über Carters Absicht, die Olympiade zu boykottieren, hat jetzt alle Bedenken weggespült. In der Regierungszeitung Iswestja hieß es, wegen seiner „gegen den Sowjetstaat gerichteten subversiven Tätigkeit“ seien Sacharow alle Auszeichnungen und Ehrungen aberkannt worden. Bis zu jenem Moment war der einstige Star unter den sowjetischen Wissenschaftlern noch immer regelmäßig von einem Auto mit Chauffeur abgeholt und zum Lebedjew-Institut der Akademie der Wissenschaften gefahren worden.

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Andrej Sacharow ist eine jener seltenen Erscheinungen, bei der hohe Intelligenz und Lauterkeit des Charakters sich auf allerhöchster Stufe paaren. Mit sechzehn Jahren hatte er Abitur gemacht, mit zweiundzwanzig war er Professor und mit zweiunddreißig hatte er, der „Vater“ der sowjetischen Wasserstoffbombe, die oberste Stufe erreicht. Höher ging es nicht: Er wurde Vollmitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Damals schrieb man das 1953.

Im Westen hörten wir 1968 zum erstenmal von Sacharow. Der Frühling in Prag hatte ihn zu einem Memorandum angeregt, das die ZEIT damals veröffentlicht hat. Es hieß: „Gedanken über den Fortschritt. Die friedliche Koexistenz und die geistige Freiheit.“ Andrej Sacharow träumte davon, man könne die Spaltung der Welt in Kapitalismus und Kommunismus überwinden; Russen und Amerikaner sollten das Wettrüsten beenden und zusammen gegen den Hunger in der Welt kämpfen.

Dieser Traum ist vorläufig ausgeträumt. Aber an dem Entschluß, auch unter äußerster Gefährdung seiner eigenen Freiheit für die Bürger der Sowjetunion mehr Freiheit zu erkämpfen, ist Sacharow nie irre geworden.

Als ich ihn im vorigen Jahr in Moskau besuchte, hatte ich das Gefühl, einem Menschen gegenüber zu sitzen, der so vollkommen in sich ruht und von so souveräner Gelassenheit ist, daß er – wenn es denn sein müßte – selbst den Verlust der Heimat ertragen würde. Aber was würde die Heimat ohne ihn tun? Er war Trost und Hilfe für ungezählte jener Mühseligen und Beladenen, an denen das Land nicht eben arm ist.

 
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