Von Carl-Christian Kaiser

Johann Baptist Gradl wird nicht mehr in den Bundestag zurückkehren. Natürlich, 75 Jahre sind ein hohes Alter und mehr als zwei Jahrzehnte im Parlament eine lange Zeit. Da erscheint es verständlich, daß er den Plänen der Berliner CDU freien Lauf gelassen hat, nach der Herbstwahl einen anderen nach Bonn zu entsenden, einen unbekannten Funktionär. Aber daß er im Grunde gern noch geblieben wäre, ist mehr als nur eine Vermutung, daß er dem Bundestag fehlen wird, eine Gewißheit,

Daß seine Stimme in den letzten Jahren sehr leise geworden und am Ende fast ganz verstummt ist, ändert daran nichts. Es war kein Zufall. Denn in Zeiten, in denen die Opposition in der Deutschlandpolitik Abgeordnete wie Abelein, Marx, Huyn oder Jäger (Wangen) für sich reden läßt, muß es Gradl die Sprache verschlagen. Wie sehr, das zeigt aufs neue die Lektüre von

J. B. Gradl: Stets auf der Suche. Reden, Äußerungen und Aufsätze zur Deutschlandpolitik“; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1979; 404 S., 36,– DM.

Wie schon frühere Bände, ist auch dies ein Sammelband. Doch die meisten Dokumente waren bisher weit verstreut und werden in dieser Form zum erstenmal publiziert. Und auch das hin und wieder schon Bekannte liest man mit Nutzen noch einmal. Zuweilen macht die Lektüre sogar heiße Augen, gerade heute. Denn Gradls Reden und Aufsätze belegen die Vita eines Politikers, der sich unablässig bemüht hat, mögliche Wege zur Wiedervereinigung vor Verschüttung zu bewahren. Und sie belegen auch das Augenmaß und den Stil eines Mannes, der Gegensätze nie, wie es jetzt so häufig geschieht, ins Unversöhnliche gesteigert hat – weder bei den frühen Kontroversen mit Konrad Adenauer über die Westintegration der Bundesrepublik noch bei den Auseinandersetzungen mit der sozial-liberalen Koalition. Deren Deutschlandpolitik hat Gradl zwar nur in einzelnen Punkten mitgemacht, aber er hat sie immer mitgedacht. Das war ein wesentlicher Grund dafür, daß er im eigenen Lager zusehends in den Hintergrund geriet.

Christian Hacke, unter anderem Mitarbeiter der „Gesellschaft für Auswärtige Politik“, zwei Generationen nach Gradl geboren und gegenüber der augenblicklichen Deutschlandpolitik der Union von unverhohlener Reserve, hat eine Einleitung beigesteuert, die viel Einfühlungsvermögen beweist, ohne daß sie auf Kritik verzichtete. Daraus wird wiederum die Schilderung eines politischen Lebenslaufs, der auch die Zwiespältigkeiten nicht verschweigt, in die jemand geraten konnte, der CDU-Politiker war, sich aber, so Hacke, politisch-konzeptionell zwischen Adenauer und Herbert Wehner bewegte und eine „im Kern kooperative Oppositionsstrategie gegenüber der sozial-liberalen Regierungskoalition leise, aber unüberhörbar versucht hat“.

Einer der Gründe, warum diese Strategie fehlschlug, findet sich in einem der abgedruckten Dokumente. Im Oktober 1977 notierte Gradl: „In der Fraktion wird nicht (genügend) differenziert gedacht. Dies muß man ändern. Über die Verzwicktheit der deutschen Frage aufklären. Nationaler Auftrag läßt sich nicht mit Paragraphen und mit patriotischen Gefühlen erfüllen. Legitimität genügt nicht. Die harte Wirklichkeit erkennen und behandeln, Möglichkeiten suchen, entwickeln.“ Wäre es so, dann stünde der notwendige Disput zwischen Opposition und Regierung auf höherem Niveau, zum Vorteil der ganzen Deutschlandpolitik.

„Stets auf der Suche“ – der Titel ist glänzend gewählt, nicht nur, was Gradls Suche nach Wegen zur Wiedervereinigung betrifft. Vielmehr beschreibt er auch einen Politiker, der zwar unbeirrt ein Ziel verfolgte, sich aber nie im Besitz unumstößlicher Wahrheiten wähnte, der zwar einen klaren Standpunkt hatte, sich aber immer in die Gedankenwelt seiner Gegner versetzen konnte. Johann Baptist seiner wird als Politiker wie als Parlamentarier fehlen. Um so mehr mischt sich in das Adieu Bedauern, ja Wehmut.