Stuttgart

Wer grün wählt, wird schwarz ernten.“ – Diese besorgte Prognose des baden-württembergischen FDP-Vorsitzenden Jürgen Morlok schreckt im südlichen Musterländle immer weniger Wähler. Im Gegenteil: Nach knapp fünf Prozent Stimmanteilen bei der Europawahl errangen die Grünen hierzulande bei den letzten Kreistagswahlen geradezu sensationelle Stimmerfolge. So haben sie in den Studentenstädten Freiburg und Tübingen bereits zehn Prozent der Wähler hinter sich, und nach neuesten Prognosen wird auch im kapitalstarken Stuttgarter Industrieraum die Fünf-Prozent-Hürde für die Grünen kaum ein Problem sein.

Von „Buntheit“ und „Bürgerschreck“ ist bei den mitgliederstarken Grünen Baden-Württembergs nichts zu spüren. Ähnlich diszipliniert wie auf dem Gründungskongreß in Karlsruhe gibt sich die neue Partei, auf die bei den anstehenden Land tags wählen alles so gebannt schaut. Und gar prächtig repräsentiert wird dieser Trupp der unterschiedlichsten Profile durch den sanften, aber stets argumentierenden Tübinger Lehrer Wolf-Dieter Hasenclever. So ist es auch weniger sensationell als eher symptomatisch, daß ein Vierteljahr vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg jetzt fast lautlos eine in der Tat schillernde Figur dem Kreisverband Stuttgart der Grünen beigetreten ist: Der Medienbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Pfarrer Jörg Zink.

Jörk Zink, den sie im Schwäbischen schlicht den „Fernsehpfarrer“ nennen, ist sicherlich der Superstar unter den protestantischen Pastoren in der Bundesrepublik: Im „Wort zum Sonntag“ ist der Stuttgarter Pfarrer regelmäßiger Redner zu günstiger Fernsehstunde, in der kirchlichen Sendung „Akzent“ erreicht er eine Zuschauerbeteiligung bis zu 30 Prozent. Etwa 40 Fernsehfilme hat er für die ARD bereits gedreht und seine Gottesdienste sind ebenso wie seine Auftritte auf Kirchentagen Publikumsmagnete. Vor allem aber mit seinen Büchern hat sich Jörg Zink eine große Öffentlichkeit geschaffen, 40 Titel erreichten eine Gesamtauflage von sechs Millionen. Mit einem Wort: Der Stuttgarter Pfarrer ist wahrlich populär – bei allen guten und negativen Akzenten, die dieser Begriff beinhaltet.

Diese Popularität dürfen jetzt Baden-Württembergs Grüne nutzen. Nicht, daß Zink fürderhin „Grünes“ von der Kanzel predigen will, auch eine Kandidatur für irgendein Parteiamt kommt für den 57jährigen nicht in Frage. Nein, Jörg Zink will schlicht mitdiskutieren, er will Flagge zeigen: „Will die Kirche nicht wieder einmal die Stunde versäumen, in der sie hätte reden müssen, dann wird sie heute reden.“ Und nur auf den theologischen Aspekt in der ganzen Ökologiediskussion kommt es dem „Fernsehpfarrer“ an.

„Der Mensch ist in das Wurzelwerk der Schöpfung eingebunden“, begründet Zink sein Engagement, „er lebt und stirbt mit ihr.“ Seine Meinung – auf einen Nenner gebracht –, ist die, daß „derzeit die Welt verödet“. Und dann „veröden die Menschen mit“, meint er, und dagegen will er etwas tun.

Ausersehen für seinen Tätigkeitsdrang hat sich der schwäbische Gärtnersohn just die Grünen, weil er mit den traditionellen Parteien nichts mehr im Sinne haben mag. Ihn stört, daß alle wissen, „daß es so nicht weitergeht, und es geht munter weiter; man weiß, daß sich etwas ändern muß, und es ändert sich nichts“. Besonders betrübt gibt sich Zink über die „Mühsal“, die sein „Freund Erhard Eppler“ mit seinen Ideen in der SPD hat. Andererseits, Epplers Positionen bei den Landtagswahlen durch eine Stimmabgabe für die SPD zu stützen, das kommt für Zink nicht mehr in Frage. Und so argumentiert der prominente Theologe: Die Lebenserfahrung, der Umgang mit den Menschen hätten ihn als Pfarrer zum „Grünen“ gemacht.

Sollten die Grünen nach dem 16. März im Landtag von Baden-Württemberg sitzen, so hat der populäre Fernsehpfarrer sicher sein Schärflein dazu beigetragen. Hansjörg N. Schultz