ARD, Donnerstag, 31. Januar, 23 Uhr: „Christa Wolf – Vorarbeiten zu einem Porträt“, Film von Wilfried F. Schoeller

Soweit also kann’s einer bringen, der sich mit behutsamer Annäherung bescheidet, statt, nach vertrauten Mustern, in unbekümmertem Zugriff sein Interview mit der Dame von drüben zu absolvieren: „Guten Tag, verehrte Christa Wolf, da wär’n wir denn also.“

Nicht so Wilfried F. Schoeller. Wo andere munter drauflosschwadronieren – „zuerst das heiße Eisen: Ihre Rolle in der DDR-Literatur“ – ging einer, der aus Frankfurt-West in die Hauptstadt-Ost reiste, mit gebotener Vorsicht zu Werk: Erst wollte die Mauer beschrieben werden, der besondere Übergang, das fremde Ambiente, langsam näher gerückt aus der Sichtweise der Porträtierten („Unter den Linden bin ich immer gern gegangen. Am liebsten, du weißt es, allein. Neulich, nachdem ich sie lange gemieden hatte, ist mir die Straße im Traum erschienen. Nun kann ich endlich davon berichten“) – dann erst trat sie, nach der Bekanntmachung im knappen Vorspann, selbst ins Bild, Christa Wolf.

Der Kunstgriff war kalkuliert und überzeugend: In dreifacher Variation wurde zunächst die Welt der Christa Wolf ins Bild gerückt, reale Wirklichkeit, die zur Kunstwirklichkeit wurde (Berlin, Landsberg, Winkel am Rhein), ehe sich diejenige äußerte (nicht befragt, sondern Fragen wägend, verändernd, aufrauhend), die, in der Literatur, den gezeigten Bildern Tiefenschärfe gab.

Endlich einmal ein medienspezifisches Porträt: Bild (Touristen-Realität und poetische Atmosphäre: eingefangen durch die Kameras) im Wechselspiel mit dem auf Zeit, auf Kontinuitäten und Umschwünge verweisenden Wort. Dialektik von Moment-Aufnahme und ausschweifendem Gespräch, das sich, vom Augenblick kritisch abhebend, aufs Gestern und Morgen einläßt. Erinnerung und Utopie, Gedächtnis und Hoffnung als Schlüsselworte des Dialogs. Kein Abfragen, sondern ein Insistieren auf wenigen Grundproblemen: Wie ist es möglich, einer etablierten, auf Bewahrung des status quo eingeschworenen Gesellschaft in der Literatur Schatten zu geben (will heißen: die langen, in frühere Jahrhunderte zurückreichenden Wurzeln sichtbar zu machen), und wie gelingt es, die eingespielte Wirklichkeit durch phantasievolle Vorwegnahme künftiger Möglichkeit infrage zu stellen – wie kommt die Poesie an jenen Punkt, an dem sie das Eingefahrene des Gesamtzustands mit dem Blick auf verheißene, aber nicht realisierte Individual-Rechte glaubwürdig, aufrichtig und verbindlich darstellen kann?

Nähe der Fremdheit: Dies war die Formel, die ein Gespräch strukturierte, das, von Generations-Fragen, Frauen-Emanzipation, Schreib-Motiven handelnd, sich trotz der Themenvielfalt niemals im Beliebigen verlor. Nähe der Fremdheit: Von der Günderrode, von der bürgerlichen Gesellschaft, die, saturiert, dem Schriftsteller keine Probleme mehr stelle, vom „Scheitern“ als menschlicher Bewährung redend, vom „Erfolg“ als Versagen, sprach Christa Wolf über die Spuren eines Lebens und eines Werkes: über sich.

Dank an Schoeller: Er hat einen Film gemacht, behutsam und auf Annäherung und Andeutung bedacht, der in jedem Detail stimmte, weil die Details auf eine Gesamtkonzeption bezogen waren: Wie kann einer von hüben zeigen, daß eine von drüben Literatur als „Hoffnung aufs Freisetzen des Menschen und Rückzug aus der Angst“ versteht und dabei keineswegs das Geschäft der sogenannten „freien Welt“ betreibt – wohl aber das Geschäft jener Schriftstellerinnen, die, durch das Photo eines Brentano-Salons evoziert, mit von der Partie waren, an diesem Abend – der Damen Caroline, Bettine, Annette?

Momos