Longos

Er ist jung, gerade fünfzehn geworden. Sie ist noch zwei Jahre jünger. Beide treffen sich bei der Arbeit. Sie sind Nachbarskinder, sie kennen sich schon. Aber der Frühling, der sie bei ihrer Tätigkeit umgibt, bringt sie einander noch näher. Sie mögen sich, ohne es recht zu wissen und zu verstehen. Es gibt eine Reihe von unvermuteten Situationen, die sie aus der Fassung bringen. Das Mädchen muß Tag und Nacht an ihn denken, seit sie ihn nackt beim Baden gesehen hat. Der Junge ist verwirrt und verlegen, seit er von ihr einen Kuß bekommen hat für seinen Sieg im Wettkampf. Da ist auch noch die zirpende Grille, die der Schlafenden zwischen die Brüste gerät und ihm die gern genutzte Gelegenheit gibt, die Gespielin von der Störerin zu befreien.

Kinderspiele, wie man sie immer und überall spielt, ohne so recht zu wissen, wie und warum. Kinderspiele, die ins schwierig schöne Leben von Mann und Frau hinein-, oft auch in die Irre führen und für die, trotz mancher Besserung in den letzten Jahren, gute Wegweiser noch immer kaum gefunden sind. Man redet zu den jungen Leuten entweder medizinisch steril oder juristisch ridikül. Die rechten Worte fehlen immer noch. Fare l’amore, make love – das kann man im Deutschen nicht sagen, ohne entweder ins Gezierte zu geraten oder ins Gemeine. „Liebe machen“ – offenbar können wir das nicht. Ein erotisches Entwicklungsland?

Der Roman schildert die Schwierigkeiten der beiden jungen Menschen, zu sich und zum anderen. zu finden. Schwierigkeiten kommen teils von außen: Die Eltern haben andere Heiratspläne; fremde Gruppen entführen gewaltsam bald das eine, bald das andere der Kinder. Doch gibt es da immer bald einen guten Ausweg und ein glückliches Wiederfinden. Was sie nicht finden können, ist der gerade Weg zueinander. Das sind die anderen, die inneren Probleme der beiden Teenager: Sie umfangen sich, küssen sich, liegen, einander nackt in den Armen – aber das letzte Glück fehlt ihnen. Wer weist den Weg?

Der Leser braucht für das kleine Buch weniger Zeit als für ein Fußballspiel, keine anderthalb Stunden. Das junge Pärchen braucht anderthalb Jahre, vom Beginn des Frühjahrs bis zum nächsten Herbst, um miteinander zurechtzukommen. Aber es findet Helfer.

Ein Arbeitskollege des Jungen gibt beiden (beiden gemeinsam, versteht sich) erste Erklärungen. Er verschreckt sie nicht nach moderner Manier mit albernen Witzeleien oder Zoten. Er sagt ihnen, daß sie etwas erleben, das „älter ist als alle Zeit“, das mächtiger ist als die höchsten Mächte der Welt. Ihre Verwirrung beginnt sich zu klären: „Wahrscheinlich ist das die Liebe, und wir lieben einander, ohne zu wissen, ob das die Liebe ist.“

Wo findet sich solch vorsichtig freundlicher Ratgeber unter den erfahreneren Kollegen? Der Roman spielt auf dem Lande, die Kinder hüten Schafe und Ziegen, der behutsame Berater ist Hirte wie sie. Er trägt einen traditionellen Namen: Philetas. Ein Dichter dieses Namens hat vor 23 Jahrhunderten auf der Insel Kos gelebt; er ist der Begründer der bukolischen Dichtung Europas.