Die drittgrößte DGB-Gewerkschaft hat wieder einmal Krach im eigenen Haus

Die dunklen Wolken des letzten Unwetters sind noch nicht verschwunden, da ziehen neue herauf. Die IG Chemie, mit 658 000 Mitgliedern drittgrößte Organisation im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), hat wieder einmal interne Probleme.

Problematisch scheint es derzeit vor allem für ein Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes zu werden: Paul Plumeyer, seit mehr als zehn Jahren in dem achtköpfigen Führungsgremium. Für viele seiner Kollegen ist er das schwarze oder, wenn man so will, „rote“ Schaf, das seit längerem durch eine – als links geltende – Haltung aufgefallen ist, für andere ist er offenbar eher so etwas wie ein Kämpfer für mehr innergewerkschaftliche Demokratie.

Kämpfen muß Plumeyer in Zukunft wohl noch mehr als bisher. In dieser Woche hat der Hauptvorstand, dem neben dem sogenannten Geschäftsführenden Vorstand 19 ehrenamtliche Mitglieder angehören, ihm in einer Sondersitzung das Mißtrauen ausgesprochen. Ein Vorgang, der in der Gewerkschaftsgeschichte der Nachkriegszeit wohl einmalig ist. Außerdem wurde eine Entscheidung revidiert, die dasselbe Gremium erst Mitte Januar getroffen hatte: Danach sollten – mit-Ausnahme des aus Altersgründen ausscheidenden Erwin Grützner – alle bisherigen Mitglieder des Geschäftsführenden Hauptvorstands dem Gewerkschaftstag im September erneut zur Wahl vorgeschlagen werden. „Diese Empfehlung“, so heißt es jetzt in einem Beschluß, „nimmt er (der Hauptvorstand) auf Grund der Äußerungen des Kollegen Paul Plumeyer zurück. Er wird in einer der nächstfolgenden Sitzungen über seine Empfehlung an den Gewerkschaftstag neu befinden.“

Die Äußerungen, die die Kollegen zu einem so spektakulären Schritt bewogen haben, hatte Plumeyer am 19. Januar vor der Delegiertenhauptversammlung der Verwaltungsstelle Hannoversch Münden getan. Unmut erregte vor allem der Teil seiner Rede, in dem er bekennt, seine Sorge sei nicht, daß Kommunisten in der IG Chemie das Sagen bekämen, sondern daß „Ausmauschler überhandnehmen“. Besonders empörend empfand der ehrenamtliche Hauptvorstand „die von Paul Plumeyer hergestellte Verbindung zwischen dem Verhalten des ehrenamtlichen Hauptvorstandes und der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933“ – so die Vorstandserklärung.

Dieser Teil der Rede findet sich im Manuskript allerdings nicht, er wurde durch empörte Zuhörer bekannt. Plumeyer selbst weist es auch entschieden von sich, solche Anspielung gemacht zu haben, und betont, er habe niemanden als Nazi diffamieren wollen. Im übrigen „passiert eben mal eine Formulierung, die nicht so dufte ist“, gibt er zu.

Doch so einfach wollen die Kollegen nicht darüber hinwegsehen. Sie „verwahren sich gegen die beleidigende Unterstellung, sie seien gläubige Kollegen, die eine Selbstentmachtung beschließen“. Nach all dem sehen sie die Voraussetzung für eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr gegeben“.