Von Julius H. Schoeps

Die arabische Gesellschaft ist eine Männergesellschaft. Die Frau, die es wagt, sich gegen die traditionellen arabisch-islamischen Sitten und Beschränkungen aufzulehnen, entscheidet sich für die Außenseiterposition. Niemand weiß das besser als die in Israel aufgewachsene, heute auf der Westbank lebende Palästinenserin

Raymonds Tawil: „Mein Gefängnis hat viele Mauern“; Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1979; 288 S., 24,– DM.

In ihrem Buch äußert sie sich bitter über strenge Gesetze und widersinnige Traditionen, die es der Frau in der arabischen Gesellschaft nahezu unmöglich machen, einen eigenen Weg zu gehen, ein Leben außerhalb der Zwänge des häuslichen Bereiches zu führen. Tawil: „In dieser Gesellschaft bist du entweder wie alle anderen – oder du wirst zerbrochen.“

Raymonda Tawil hat die traditionelle Frauenrolle nicht akzeptiert. Sie entschied sich für die Auseinandersetzung: als Frau für den Kampf um die Rechte der Frau, als Palästinenserin für den Kampf gegen die israelische Besatzung. Beides hat ihr Ärger eingetragen. Den Traditionalisten und Honoratioren auf der Westbank passen nicht ihre Bemühungen, die Rolle der Frau in der arabischen Gesellschaft neu zu bestimmen; den Israelis sind ihre politischen Ambitionen verdächtig, ihre Arbeit als Journalistin und ihr Einsatz für die Sache der Palästinenser. Von den Militärbehörden wurde sie im Sommer 1976 unter Hausarrest gestellt. Erst massive Proteste oppositioneller Kreise in Israel bewirkten, daß die Anordnung zurückgenommen wurde.

Seit dem Junikrieg 1967 hat sich im Bewußtsein der Palästinenser einiges verändert. Tawil ist davon überzeugt, daß die Kommando-Operationen der Fedajin verkrustete Strukturen der palästinensischen Gesellschaft aufgebrochen, mit dazu beigetragen haben, die Emanzipation der Frau voranzutreiben. Viele junge Mädchen hätten im bewaffneten Kampf Zurückhaltung und Unterwürfigkeit abgelegt, die der Konvention nach Tugenden der arabischen Frau sind. Im Widerstand gegen Israel sei die „Gleichheit der Geschlechter Realität geworden“. Warum sie sich nicht selber den Fedajin angeschlossen habe, erklärt Tawil mit moralischen Bedenken, mit ihrer Ablehnung jeder Form von Gewaltanwendung.

Was Tawil an den Israelis fasziniert, was sie gleichzeitig abstößt, ist die Mischung moderner und progressiver Elemente mit Chauvinismus und religiösem Fanatismus. Sie bewundert die humanistischen Traditionen im Judentum, die Werte jüdischer Kultur und Ethik, sie haßt die Überlegenheitsattitüde israelischer Politiker und Generäle, die Arroganz der Besatzungsbeamten und Polizisten. Sie hat Verständnis für die Leidensgeschichte der Juden, für die Ängste und Befürchtungen, die der Holocaust in ihrem Denken und Fühlen zurückgelassen hat. Sie hat kein Verständnis für die israelische Besatzungspolitik, für die Siedlungsaktivitäten, die Enteignung arabischer Böden und die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte. Tawil bedauert, daß nur wenige Israelis bereit sind, die Existenz eines palästinensicher Volkes anzuerkennen. Erst in jüngster Zeit fange man an, darüber nachzudenken, „daß wir da sind, daß wir leben und daß wir unsere legitimen Ansprüche haben – ebenso geheiligte Rechte wie jedes andere Volk“.