Von Peter Mosler

In Janouchs Aufzeichnungen seiner Gespräche mit Kafka bedauert dieser, kein Kritiker zu sein. „Ich kann mich nicht rasch in etwas verwandeln, dann zu mir zurückkehren und die Entfernung genau abmessen.“ Dieses Abmessen der Entfernung habe ich schon immer bei Dada-Autoren für besonders schwer, wenn nicht unmöglich gehalten, soll doch, ihrer ausdrücklichen Absicht nach, alles Herkömmliche an ihnen versagen, Konventionen scheitern – auch die Konvention der Identität der Persönlichkeit.

Arthur Cravan – Poet oder Boxer, Walter Serner – Desperado, Philosoph, Hazardeur oder Schriftsteller? Serner, in gebürstetem Frack, Weste und grauer Krawatte mit Pincenez und Rohrstöckchen, war bei den Dadaisten ein Außenseiter unter Außenseitern. Die überlieferten Biographien des Dada-Philosophen stecken voller Mystifikationen, an denen er selbst und sein Verleger Paul Stegemann in Hannover nicht unschuldig waren.

Über sich schrieb Serner einen süffisant lapidaren Text, in dem es heißt, daß ihm „Politik zum Kotzen ist, der italienische Lazzo aber sympathisch; daß ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; daß ich viele Französinnen für exquisite Geschöpfe halte, die meisten Russen aber für Hysteriker; daß ich weder für Skoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Vergnügen; daß ich einen tschechoslowakischen Paß besitze und glücklicherweise eine harte Haut“.

Walter Serner ist vermutlich 1889 in Karlsbad geboren. Sein Geburtsname lautet Walter Seligmann. Ungewiß ist, ob sein Geburtstag auf den 15. Februar oder den 15. März fällt; die Vita in „Hirngeschwuer“ im Reimer-Verlag nennt noch den 15. Januar als Geburtsdatum. Das Prager Innenministerium meldet, daß es keinen Nachweis über die Geburt eines Walter Seligman oder Serner gibt. Seine Schuljahre verbringt er in Karlsbad, „wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Bekanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Gestalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht“. Nach einem Jus-Studium in Wien wird er in Greifswald zum Doctor utriusque iuris promoviert. Von seinen juristischen Kenntnissen macht er niemals Gebrauch.

Hans Richter schreibt über seinen Mitstreiter: „Gegen Ende 1916 stieß ein weiterer, im Ungewöhnlichen wurzelnder Entwurzelter zu Dada, Dr. Walter Serner. Er war Nihilist und gab eine entsprechende Zeitschrift Sirius heraus. – Er war ein Zyniker der Bewegung, der erklärte Anarchist, ein Archimedes, der die Welt aus den Angeln heben wollte, um sie dann, herausgehoben, hängen zu lassen. Er litt an Menschenekel (und an mangelnden Existenzmitteln), weil er herausgefunden hatte, was Brecht sein Leben lang verkündete, daß der Mensch zu schwach sei, um wahrhaft gut, und zu gut, um wahrhaft böse zu sein... nur schwach und aus Schwachheit gemein.“ Mehr als Hugo Ball oder Tristan Tzará war Serner in der dadaistischen Bewegung der Protagonist der existentiellen subversiven Aktion, der Rebellion in ihrer unmittelbaren Form, in der Sprache des Augenblicks, ob in der Dadalosen in Zürich, als er im Beisein einer kopflosen Schneiderpuppe und eines künstlichen Blumenbuketts sein Manifest „Letzte Lockerung“ vorlas, ob er auf dem Weltkongreß der Dadaisten in derselben Stadt vier blinde Schüsse auf Tzará abgab oder ob er als vermeintlicher Zeuge in der gesamten Schweizer Presse die Nachricht von einem erfundenen Duell zwischen Hans Arp und Tristan Tzará lancierte.

Die Einwohner- und Fremdenkontrolle der Stadt Zürich Wohnsitze von 1915 bis 1933 vierunddreißig Wohnsitze Serners. Unbekannt ist, wovon er in diesen achtzehn Jahren seinen Lebensunterhalt bestritt. Immerhin hatte er einige Gönner, darunter den holländischen Millionär Anton van Hoboken, dem die „Letzte Lockerung“ gewidmet ist. Im November 1919 erschien die einzige Ausgabe der Zeitschrift Der Zeitweg, von Serner zusammen mit Flake und Tzará herausgegeben. Wie Dr. Serner in seiner vornehmen Eleganz fällt Der Zeltweg unter den dadaistischen Zeitschriften mit ihrer Lust zum Spiel in Typographie und lay-out durch seine asketische Formstrenge auf. Der Zeltweg ist jetzt als Faksimile-Reprint mit anderen Dada-Blättern wieder greifbar, neu herausgegeben in der Edition Nautilus in Hamburg.