Wenn Skifans in wahnwitzigen Schwüngen über die Hänge kurven oder in wagemutiger Schußfahrt zu Tal stieben, diagnostizieren Experten den „Pistenrausch“. Er wird nach jüngsten Untersuchungen des Fachblatts „Medizin heute“ nicht allein von strahlenden Berggipfeln und Pulverschnee hervorgerufen, sondern immer häufiger vom Alkohol.

Mit der wachsenden Verführung durch Eisbars, Schnee-Schnaps-Theken und Jagerteehütten ist der Promillegehalt der Pistensportler kräftig gestiegen – und damit auch die Unfallgefahr und die Bedrohung nüchterner Skifahrer.

Nach Schweizer Klinikärzten und Unfallchirurgen aus Innsbruck hat jetzt auch der Bundesobmann der österreichischen Naturfreunde, Obermedizinalrat Dr. Anton Rot, vor den schlimmen Folgen des – beliebten „Einkehrschwungs“ gewarnt und die 0,8-Promille-Grenze im Pistenrevier gefordert. Denn die Zahl der Unfallopfer, die vom Skihang alkoholisiert ins Krankenhaus eingeliefert werden, wächst ständig. Eine Schweizer Untersuchung hat ergeben, daß 24 Prozent aller verunglückten Skiläufer zu tief ins Glas geschaut hatten.

Hauptschuldige am Pistenrausch sind die diversen „Zielwässerchen“ wie Jagertee, Almschnapserl, Glühwein und Obstler, Die durstigen Skisportler – so eruierte das Fachblatt Medizin heute – gehen offenbar immer noch von der irrigen Ansicht aus, ein paar Promille könnten die Kälte beim Warten an den Liftschlangen vertreiben und darüber hinaus noch ein paar Skischulstunden sparen. Beides ist – medizinisch gesehen – falsch. Alkohol täuscht das Wärmegefühl nur vor. Nach einem ausdauernden Umtrunk ist die Unterkühlungsgefahr sogar weit größer. Und auch die Hoffnung, durch einen Schwips rasanter schwingen zu können, entpuppt sich meist als Irrtum, Im Gegenteil, Mediziner weisen nach, daß Alkohol eindeutig die Muskelkoordination stört, die Reaktionszeit verlängert und das Durchhaltevermögen schwächt. Zudem neigen Skiläufer nach ein paar Stamperl genauso wie Autofahrer dazu, ihre Leistungsfähigkeit zu überschätzen. Dann halten sich-selbst mickrige Stemmbogenjünger plötzlich für Slalomkünstler, sausen voller Euphorie abwärts – und brechen sich die Knochen schneller als normalerweise. Denn daß man im Suff weicher und sicherer falle, wird von Medizinern dementiert.

Rigide Antialkoholiker plädieren für die Null-Promille-Grenze auf den Pistenstraßen; tolerante Skifunktionäre und Ärzte halten demgegenüber einen „Heiterkeitsgrad“ bis zu 0,8 Promille noch für vertretbar. Gerichte orientieren sich längst an dem Promille-Reglement des Straßenverkehrs, wenn gegen Skifahrer verhandelt wird, die angetrunken einen Unfall verursacht haben.

Nach Ansicht des Deutschen Skiverbandes liegt die größte Gefahr eines Pistenrausches bei der abendlichen Abfahrt: Nicht selten dehnt sich nämlich ein „Einkehrschwung“ bis in die späten Nachmittagsstunden aus. Und kein Hüttenwirt hat bisher eine fröhliche Prosit-Runde daran gehindert, in der Dämmerung wieder ins Tal zu fahren. Es wird höchstens noch ein Kaffee serviert (obwohl Koffein den Blutalkohol höchstens noch rascher in die Höhe treibt). Auch die kalte Winterluft und das Schwitzen beim sportlichen Wedeln hat auf den Alkoholabbau im Blut kaum Einfluß. Nicht nur beim Autofahrer, auch beim Skifahrer dauert es gut zehn Stunden, bis zwei Maß Bier abgebaut sind.

Brigitte Zander