Von Margrit Gerste

Gründlich und – gewissenhaft haben dievierzehn Mitgliedern der Enquete-Kommission die Wirklichkeit jener Frauen erforscht, die schwanger sind, aber aus einer „schweren sozialen Notlage? (wie der Gesetzgeber die vielfältigen Konfliktsituationen zusammenfaßt) das Kind nicht bekommen wollen. Sie haben auch Empfehlungen ausgesprochen, wie die Praxis das Paragraphen 218 verbessert werden könne: Mehr Aufklärung über Schwangerschaftsverhütung und -abbrach; Fortbildung für Ärzte, Schwestern und Berater, so daß Frauen nicht mehr diskriminiert werden; eine Verbesserung der – vom Gesetz erzwungenen – Beratung; großzügige Zulassung freier Praxen in allen Bundesländern und Modellsondereinrichtungen für den Abbruch; ein längerer Elternurlaub, familienfreundliche Wohnungen, mehr und bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder berufstätiger Mütter.

Angesichts der im Bericht enthaltenen, zum Teil heftigen, ja vernichtenden Kritik an den Auswirkungen der Reform des Paragraphen 218 muten diese Empfehlungen wie pure Kosmetik an. Oder wie politische Rücksichtnahme, denn weder Koalition noch Opposition halten es für opportun, an der Indikationslösung zu rütteln, obwohl nur jeder vierte Bundesbürger ihr zustimmt (36 Prozent sind für die Fristenregelung, acht Prozent für die völlige Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs).

So könnte denn Familienministerin Antje Huber das Ergebnis der Kommissionsarbeit ohne große Nervosität präsentieren. Über das brisante Votum einer bedeutsamen Minderheit (fast die Hälfte der Kommissionsmitglieder schloß sich ihm an!) aber sprach sie nicht. Und in dem immerhin 560 Seiten starken Konvolut der Kommission ist nur in einer winzigen, leicht zu überlesenden Fußnote auf Seite 539 der für den Druck vorgesehenen Fassung zu finden, was besagte Minderheit für die eigentlich gebotene Konsequenz aus ihren Untersuchungen – hält: „Auf dem Hintergrund der dargestellten Sachverhalte – sowie unter Berücksichtigung der relativ größeren gesundheitlichen Gefährdung bei Schwangerschaftsabbrüchen nach der 10. Woche – gelangen einige Mitglieder der Kommission zu der Auffassung, daß der Deutsche Bundestag erneut beschließen möge, den Schwangerschaftsabbruch aus anderen als medizinischen Indikationen bis zur 10. Schwangerschaftswoche aus den Strafgesetzbestimmungen herauszunehmen und dabei auch auf die vorherige Zwangsberatung zu verzichten.“

Gefordert wird also die Fristenlösung bis zur 10. Woche, und zwar aus medizinischen Gründen: Die vom Gesetz vorgeschriebene Prozedur ist zeitraubend, so daß Abbrüche unnötig hinausgezögert werden und sich dadurch das gesundheitliche Risiko für die Frauen erhöht. Komplikationen nach einer Abtreibung treten in der Bundesrepublik viel häufiger auf als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort fehlen der institutionelle Hürdenlauf und die Zwangsberatung, so daß die meisten Abbrüche, nämlich rund 76 Prozent (1976) bis zur 10. Schwangerschaftswoche vorgenommen wurden. Die Zahl für die Bundesrepublik 1978: 32,7 Prozent. Entsprechend höher liegt die Rate der Frühkomplikationen wie Infektionen und Verletzungen der Gebärmutter. „Die Komplikationshäufigkeit steigt deutlich mit der Dauer der Schwangerschaft“, heißt es auch im Kommissionsbericht: Von 2,75 Prozent bis zur achten Schwangerschaftswoche auf 10,66 Prozent nach der 12. Woche. Spätkomplikationen, wie Frühgeburten oder auch gefährliche Bauchhöhlenschwangerschaften bei folgenden Schwangerschaften sind dabei hoch gar nicht berücksichtigt. Doch aus einer neuen amerikanischer Untersuchung geht hervor, daß mit Spätfolget nach einem Abbruch bis zur 10. Schwangerschaftswoche nicht zu rechnen sei.

In der Bundesrepublik starben 1977 acht von rund 54 000 Frauen nach einer Abtreibung. In den USA kamen im selben Jahr auf rund 1,08 Millionen legaler Abtreibungen 15 Todesfälle

Gefährlich hinausgezögert werden Abtreibungen hierzulande nicht nur durch die komplizierende, auf Verhinderung angelegte Konstruktion des Gesetzes, sondern auch durch die Angst der Frauen vor der Indikationsprozedur – die Angst vor Ablehnung, Feindseligkeit und Willkür von Ärzten und Beratern. Daß diese Angst häufig nicht unberechtigt ist, beweisen Erfahrungsberichte einzelner Frauen, aber auch Repräsentativ-Erhebungen. Eine Umfrage unter gynäkologischen Chefärzten zum Beispiel zeigt, daß die überwiegende Mehrheit von ihnen die Notlagen-Indikation ablehnt bzw. „starke Vorbehalte“ äußert. So konzedieren viele Chefärzte nur darin eine schwere Notlage, wenn die Ehe zerrüttet ist und schon mehrere Kinder vorhanden sind.