Gerda Rechenberg, 59 Jahre alt und Leiterin der Stadtbücherei von Bad Harzburg, klagt gegen ihren Arbeitgeber. Seit zehn Jahren stößt sie sich an der Anrede „Herr/Frau/Fräulein“. Sie verlangt, auf ihrer Gehaltsabrechnung das „Frau/Fräulein“ durch „Dame“ ersetzt zu sehen.

Recht hat sie. Jedenfalls ein wenig. Mehr jedoch ist sie in einem Irrtum befangen. Um zu erklären, weshalb, sei hier ein kurzes sprachgeschichtliches Gutachten erstellt. Die Frage lautet also, ob die „Dame“ eine bessere „Frau“ ist, so wie der „Mann“ ein schlechterer „Herr“.

Teils ist sie’s wirklich. „Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt!“ dichtete bereits Goethe, und ein Redner der heutigen Zeiten wird die Anrede „Herr Präsident, verehrte Kollegen, meine Damen und Herren!“ wählen (und so den meisten Anwesenden zu verstehen geben, daß sie hier die Letzten sind). Auch gilt das Zeugnis der öffentlichen Toiletten. Bei plebejischen Bedürfnisanstalten lautet die Aufschrift derb: „Frauen“ und „Männer“. Im feineren Ambiente steht an der Tür ein „H“, und sein weibliches Gegenstück heißt mit Sicherheit „D“.

Aber nicht zu jedem „Herrn“ gehört die „Dame“. Bei der alltäglichen Anrede heißt es „Herr X“ und „Frau X“, und das nicht aus schnöder Geringschätzung für die Frauen.

Die „Frau“ ist nämlich keineswegs in erster Linie Gattungsbezeichnung, Geschlechtswort, sondern eine besonders ehrerbietige Anrede. Als „frouwe“ redete der mittelalterliche Mann von Welt die hochgestellte Dame an (und des Fürsten Tochter als „frowelîn“, „Fräulein“). Das mittelhochdeutsche „Frau“ bedeutete soviel wie „Gebieterin“ und war die genaue Entsprechung zu „Herr“ (der seinerseits soviel wie „Hoher“, „Hehrer“, bedeutet), so wie neben dem niederen Geschlechtswort „man“ das „wîp“, das „Weib“ stand. Das „Weib“ seinerseits kam von „weben“ und bedeutete vermutlich entweder „die Verhüllte“ oder „die (oder das) Geschäftige“.

„Mann“ hatte ursprünglich die weite Bedeutung „Mensch“, aber Grimms Wörterbuch weiß, was es damit auf sich hatte: „da nach der altgermanischen rechtlichen anschauung nur der mann im Vollbesitze des menschlichen Wesens sich befindet, so liegt von uralter zeit her in dem wort bereits die heutige bedeutung beschlossen.“

Der Ritter des Mittelalters zerbrach sich noch ausgiebig den Kopf, wie Frauen am höflichsten anzureden wären. Walther von der Vogelweide klang das höfische „frouwe“ zu geziert; von ihm stammt ein Spruch, der ins Neuhochdeutsche übersetzt so lautet: „Weib soll unbedingt die feinste Bezeichnung für die Weiber bleiben und ehrenvoller als Frau, würde ich sagen.“