Von Norbert Jochum

Jon Jost ist ein unabhängiger Filmemacher. Unabhängige Filmemacher gibt es nicht. Von Geld war dabei noch nicht einmal die Rede. Einmal, in „Speaking directly: Some american notes“, füllt sich das Filmbild nacheinander mit den Materialien, die nötig sind, einen Film überhaupt machen zu können: einer Schreibmaschine, Papier, Briefen, Geld, Filmrollen, einem Tonbandgerät und Tonbändern, einer Stoppuhr, einem Mikrophon (und wenn das im Bild ist, dann ist plötzlich auch der Ton da.) Begonnen hatte der Film mit einer Großaufnahme des Autors, der, auf einer Wiese stehend, weitausholende Armbewegungen macht. Weil sich deren Ergebnis direkt auf dem Film materialisiert, sieht man, daß er einen Fisch in die Luft malt, dann die Buchstaben A, B und C.

Dazu seine Stimme aus dem Off: „Das ist ein Film, eine Art zu reden. Er ist, wie alle Kommunikationssysteme, mit Konventionen behaftet. Einige davon sind ihm willkürlich auferlegt, andere durch ökonomischen oder politischen Zwang, andere vom Medium selbst. Einige von diesen Konventionen sind notwendig: sie sind das Allgemeine, das es ermöglicht, überhaupt miteinander zu reden. Aber andere sind überflüssig – nicht nur überflüssig, sondern schädlich, weil zerstörerisch.“

Die Filme von Jon Jost sind neben allem anderen immer auch Filme über das Filmemachen. Manchmal unterbrechen sie ihren Verlauf. Ihre Geschichte tritt zurück hinter ihr Material. Ihr Thema ist dann für Momente nicht mehr das Arbeitsergebnis, sondern der Arbeitsprozeß selbst. In „Speaking directly“ befragt Jost Freunde und Bekannte nach ihrer Beziehung zu ihm; eine Frau hat offensichtlich Schwierigkeiten, vor der Kamera frei zu reden; man sieht vier Versuche, vier Ansätze, die alle wieder abgebrochen werden. Aber dann, beim fünften Versuch, spricht sie ihr Statement flüssig in die Kamera – nachdem ein Off-Kommentar mitgeteilt hat, daß dieser Versuch nicht mehr spontan sei, sondern daß sie jetzt einen Text spreche, den der Filmemacher ihr aufund, auch das ist gemeint: vorgeschrieben habe.

Dann teilt der Kommentar mit: wichtig an dieser Szene sei, welche Beziehung der Zuschauer zu der Frau habe und nicht, was man aus dieser Szene über die Beziehung des Autors zu der Frau erfahre. Auch dies ist einer der Aspekte von „Film“, der in diesem Film einer Überprüfung unterzogen wird: Die Beziehung zwischen Zuschauer und Filmemacher, zwischen Sehen und Zeigen. „Speaking directly“ ist der (immer scheiternde: eine der unüberwindbaren Konventionen des Mediums) Versuch, mit dem Zuschauer direkt zu reden. Daß dieser Versuch scheitern muß, das weiß der Autor: „Man kann keine Aufnahme von den Zuschauern machen.“ Dennoch versucht er es: Das Kapitel „A person who watches a film (You)“ zeigt eine fast leere Leinwand, nur in der linken oberen Ecke läuft eine Stoppuhr. Aber nach fünf Minuten wird dieser Versuch abgebrochen.

Aus der Addition lauter solcher Versuche – nicht alle auf dieser direkten Ebene, nicht alle so erfolglos, und jeder erfolgreich im filmischen Kontext – besteht „Speaking directly: Some american notes“ (1973). Es ist Jon Josts (geboren 1944 in Chicago) erster langer Film, nachdem, er seit 1963 mehr als 20 Kurzfilme gemacht (und von 1965 bis 1967 wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis gesessen) hat.

Und jetzt muß doch von Geld die Rede sein, denn Jon Jost ist ein unabhängiger Filmemacher, und unabhängige Filmemacher gibt es nicht, sondern nur vom Geld abhängige Filmemacher, und unabhängiger Filmemacher sein heißt: kein Geld haben, auf jeden Fall zu wenig, hier wie in Amerika. „Speaking directly“ kostete um die 2000 Dollar, sein nächster Film „Angel City“ (1977) 6000 Dollar, „Last chants for a slow dance (Dead End)“ aus demselben Jahr 3000 Dollar, und der 1978 gedrehte „Chameleon“ 35 000 Dollar, aber der ist dafür auch in 35 mm. Meistens tauchen diese Kosten in den Filmen auf; manchmal werden sie am Anfang genannt, manchmal am Ende, in jedem Fall aber sind sie – wie vermittelt und indirekt auch immer – Bestandteil der filmischen Ästhetik. Was nicht heißt, daß die Filme arm aussehen. Sondern ehrlich.