Die drohende Katastrophe in der Berufsausbildung scheint abgewendet zu sein. Weil die Unternehmen in den vergangenen Jahren viele neue Lehrstellen geschaffen haben, konnten die geburtenstarken Jahrgänge von Schulabgängern hinlänglich mit Ausbildungsplätzen versorgt werden. Doch im Bemühen, das Mengenproblem am Lehrstellenmarkt zu lösen, ist die Qualität der Berufsausbildung vielfach ins Hintertreffen geraten. Viele Jugendliche werden für Berufe ausgebildet, die keine Zukunft haben. Wir brauchen eine neue Debatte über die Berufsausbildung.

Unser Bildungsminister – er heißt Jürgen Schmude – lebt in einer heilen Welt. Denn gerade rechtzeitig zum Wahljahr schien sich ein bis dato drückendes Problem in Wohlgefallen aufzulösen: Im vergangenen Jahr gab es erstmals seit 1974 wieder genug Lehrstellen in der Bundesrepublik. Laut Entwurf zum Berufsbildungsbericht, den der Minister alljährlich im März vorlegen muß, boten Unternehmen und Behörden 1979 rund 677 000 Ausbildungsplätze an. Aber nur gut 660 000 Jugendliche hatten zugleich Interesse an einer Lehre – wenn man den Statistikern glauben will.

Schmude ist gläubig. Er meint deshalb auch, 1980 auf die leidige Berufsbildungsabgabe verzichten zu können. Diesen Obolus kann der Bund laut Gesetz von allen größeren Betrieben kassieren, wenn in einem Jahr das Angebot an Lehrstellen nicht um mindestens 12,5 Prozent über der Nachfrage liegt. Aus dieser Umlage sollen dann jene. Unternehmen Zuschüsse bekommen, die zusätzlich etwas für die Ausbildung tun.

Obwohl aber in den Jahren zuvor immer weniger Lehrstellen angeboten worden sind als eigentlich gefragt waren, hat Bonn stets auf die Abgabe verzichtet. Denn erstens haben die Betriebe – sei es aus Verantwortungsbewußtsein, sei es auch nur aus Angst vor der drohenden Abgabe – ihr Angebot von Lehrstellen Jahr um Jahr insgesamt anständig erweitert; das wollte der Bildungsminister honorieren. Und zweitens hat ohnehin niemand je daran geglaubt, daß sich mit der zeitlich befristeten Umlage mehr Ausbildungsplätze hervorzaubern ließen. Es schien deshalb durchaus Sinn zu machen, daß Schmude auch diesmal, da es erstmals mehr Lehrstellen als Nachfrager gab, auf die Abgabe verzichten wollte.

Doch die Gewerkschaften sehen das anders. Als sie im Hauptausschuß des Bundesinstituts für Berufsbildung dem Verzicht auf die Abgabe zustimmen sollten, zeigten die Arbeitnehmervertreter dem Minister und den Arbeitgebern die kalte Schulter. Nach Ansicht der Gewerkschafter lügt nämlich die Lehrstellenstatistik, weil die Zahl der Auszubildenden nicht den wahren Bedarf an Ausbildungsplätzen widerspiegelt.

Den 660 000 amtlich ermittelten „Azubis“ in spe müßten zumindest noch all die Jugendlichen hinzugezählt werden, die zum Stichtag 30. September 1979 in den verschiedenen berufsvorbereitenden Kursen steckten. Mit ihnen errechnet der DGB nicht weniger als 720 000 Ausbildungsaspiranten. Sollte zudem der Überschußquote des Ausbildungsplatzförderungsgesetzes Genüge getan werden, hätten die Betriebe im vergangenen Jahr statt 677 000 mehr als 800 000 Lehrstellen anbieten müssen. Die Gewerkschaften, allen voran die IG Metall, stellten sich deshalb auf die Hinterbeine.

Der Streit um Zahlen und die absurde Ausbildungsplatzabgabe wirkt reichlich bemüht. Niemand kann ernsthaft bestreiten, daß die Wirtschaft in den vergangenen Jahren mit dem Lehrlingsboom unerwartet gut fertig geworden ist – jedenfalls in quantitativer Hinsicht. Viel brennender als das Problem, wie trefflich die Lehrstellenstatistik ist, stellt sich aber heute die Frage nach der Qualität unserer Berufsausbildung. Genau darum geht es in Wahrheit auch den Gewerkschaften.