Wir stehen heute in einer Phase der Spannung und der Verwirrung. Gehen wir einem neuen Kalten Krieg entgegen, dem Ende der Entspannung? Droht vielleicht gar ein neuer Krieg?

Zunächst einmal: Die Einteilung der Nachkriegszeit in eine Periode des Kalten Krieges und eine Periode der Entspannung bringt uns nicht viel weiter. Der Kälte Krieg war nicht so schrecklich, und die Entspannung war nicht so zum Frohlocken. Während des Kalten Krieges gab es ein gewisses Maß an ideologischer Feindseligkeit und eine Reihe von Berlin Krisen. Im Zeichen der Entspannung haben wir eine Reihe von Gipfeltreffen erlebt, aber auch sowjetische Aufrüstung und sowjetischen Ausdehnungsdrang; jedenfalls sollten wir nicht so tun, als habe es je einen säuberlich abgrenzbaren Zeitraum gegeben, in dem wir im Bewußtsein ungetrübter Harmonie hätten leben dürfen.

Überhaupt liegt ein Problem zeitgenössischer Außenpolitik in der Neigung, das Ost West Verhältnis wie ein Verhältnis zwischen Individuen zu betrachten und zu behandeln, in dem Hang auch, das Problem von Krieg und Frieden gleichsam psychologisch zu lösen — vor allem ein "Klima" zu schaffen, nicht aber Substanz. Die Beziehungen zwischen Ost und West müssen auf zwei fundamentale Prinzipien gegründet bleiben. Zum einen: Wir müssen stark und entschlossen genug sein, um Expansionismus in jeglicher Form entgegenzutreten. Zum anderen: Als Besitzer von Waffen unsäglicher Zerstörungskraft sind wir zur Koexistenz verdammt — und wir müssen danach trachten, diese Koexistenz erträglicher, und auf die Dauer weniger gefährlich, ja sogar konstruktiv zu gestalten. Der Wunsch nach Frieden darf nicht zu Nachgiebigkeit gegenüber Erpressung führen, aber der Wille und die Notwendigkeit, dem Expansionismus entgegenzutreten, dürfen auch nicht in Konfrontation um ihrer selbst willen ausarten.

Eine der Schwierigkeiten der westlichen Politik lag bisher in dem Hin und Her zwischen Euphorie und Panik. Die Einsicht ist dem Westen schwergefallen, daß er zugleich abwehrentschlossen und verhandlungsbereit sein muß: daß Verhandlungen auf konkrete Ziele gerichtet sein müssen, ohne daß dabei die strategische Notwendigkeit verkannt wird, der sowjetischen Aggressionslust Schranken zu setzen. Gerade jetzt, wo die Welt abermals in eine Gefahrenzone hineinsteuert, ist es wichtig, der Tatsache eingedenk zu bleiben, daß wir, wenn unseren Anstrengungen Erfolg vergönnt ist, aufs neue auch wieder in eine Periode der Verhandlungen eintreten werden. Dies ist ja der Kern unserer Politik; und wir sollten uns jetzt schon darauf vorbereiten. Wir leben in einer Welt, die eine fundamentale Umverteilung der Macht erlebt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Europa seine dominierende Stellung; nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden neue Machtzentren — erst in einem bipolaren, später in einem teilweise multipolaren System.

Es ist dies ein merkwürdiges System. Zum erstenmal in der Geschichte fallen wirtschaftliche, politische und militärische Macht nicht mehr zusammen. Ein Land kann militärisch stark sein, aber wirtschaftlich stagnieren — wie die Sowjetunion. Ein Land kann wirtschaftlich sehr stark sein, doch militärisch bedeutungslos. Und manche Länder spielen aus verschiedenen Gründen eine große politische Rolle, ohne daß sie militärische oder wirtschaftliche Stärke besäßen.

Außerdem ist zum erstenmal in der Geschichte Außenpolitik heute weltweite Außenpolitik. Europa und China waren im 17. Jahrhundert nicht vergleichbar, da sie praktisch kaum etwas miteinander zu tun hatten. Bis 1945 verfolgten die verschiedenen Kontinente ihre Politik unabhängig, fast isoliert voneinander. Dies ist ein für alle Mai vorbei. Es kommt hinzu, daß die verschiedenen Weltregionen ihre Wirtschaftsautarkie verloren haben.

Weiter gibt es, wiederum erstmals in der Geschichte, viele Probleme, von denen die ganze Menschheit betroffen ist: Umweltschutz, Ausbreitung von Atomwaffen, landwirtschaftliche Inkompetenz in vielen Landstrichen, Rohstoffmonopole einiger weniger Staaten. Das Vertrauen auf das klassische kapitalistische Modell hat sich weithin verflüchtigt, aber auch das sozialistische hat den Menschen nirgendwo Erfüllung gebracht. All diese Veränderungen umgreifen den ganzen Erdball. Sie würden unser Zeitalter zu einer Epoche der Verwerfungen machen, auch wenn es darüber hinaus keinerlei spezifische Herausforderung gäbe. Wir aber sehen uns einer spezifischen Herausforderung gegenüber — der Herausforderung durch die Sowjetunion.