Von Hansjakob Stehle

Rom, im Februar

Macht? In den dunklen, stets ein wenig fragend blickenden Augen Francesco Cossigas blitzt so etwas wie Schalk auf, aber er sagt es sehr ernst und mit dem dozierenden Ton des Professors für Verfassungsrecht: „Ich halte die Gleichsetzung von Politik und Macht für verfehlt. Viele Jahre habe ich Politik gemacht, ohne Macht zu besitzen.“ Und seit er vor einem halben Jahr „an die Macht“ gekommen ist, an die Spitze der ohnmächtigsten Regierung, die Italien unter den 36 Regierungen seiner 33jährigen Republik erlebt hat, fühlt er sich in dieser Uberzeugung mehr denn je bestätigt. „Er hat nicht einmal die Kraft zum Stürzen“, bestätigte ihm ein besonders liebenswürdiger christdemokratischer Parteifreund, der neapolitanische Lokalpotentat Gava.

Ist es wirklich nur ein gußeisernes oder auch ein gummiartiges Rückgrat, wie es manchen Parteifunktionären wächst, das den Regierungschef Cossiga bisher über die Runden kommen ließ? Ist es das ruhige, kühl-diplomatische, sehr „italienische“ Temperament dieses Politikers aus dem sardischen Sassari, wo er sich – wie KP-Chef Berlinguer, sein Vetter zweites Grades – noch immer am meisten heimisch fühlt? Oder trug gar diese entfernte Verwandtschaft dazu bei, daß Cossiga ohne echten parlamentarischen Rückhalt selbstsicherer auftritt, als er dürfte?

All dies hat wenig oder nichts zu Cossigas Stehvermögen beigetragen. Was ihn bislang hält, ist paradoxerweise die Bodenlosigkeit der Gesamtlage Italiens: Das Unvermögen der großen Parteien, irgendeine regierungsfähige Mehrheit zu bilden, irgendwelche praktikablen, überzeugenden Alternativen und Perspektiven für Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu entwerfen. Und es ist nicht zuletzt die Furcht vor einer Zukunft, die durch nationale und internationale Sackgassen verbaut erscheint. Zu überwinden wären sie allenfalls durch einen Sprung über den eigenen Schatten, der allerdings auch zum Salto mortale werden könnte. Warum also etwas riskieren? Warum nicht einen bedächtig-strebsamen, für alle halbwegs erträglichen Mann wie Cossiga, das buchstäblich Notwendigste tun, die Krise hinziehen und so – wie oft schon – die Katastrophe noch einmal verhindern?

Solcherart ist die Schwäche, aus der Francesco Cossiga seine kräftige Gelassenheit bezieht. Mit ihr vertritt er nicht nur souverän und ohne Komplexe sein Land, sondern – wie jüngst in Washington und London – auch die Europäische Gemeinschaft, deren turnusmäßiger Präsident er ist. Sie hat ihm letztes Wochenende sogar in der römischen Abgeordnetenkammer das Vertrauen einer Mehrheit eingebracht, die plötzlich von den Kommunisten bis zu den Liberalen reichte. „Technisch“ nannten die Parteien ihr Votum, als ob sich Vertrauen in der Politik ganz wertfrei, ja unpolitisch manipulieren ließe. Doch als einen „technischen“, ohne Überzeugung geleisteten Beitrag hatten die Sozialisten des PSI schon im August 1978 ihre Stimmenthaltung bezeichnet, mit der sie die Bildung des Kabinetts Cossiga gerade noch ermöglicht hatten. Denn die Kommunisten hatten sich, aufgerieben und geschwächt nach dreijähriger, unbelohnter Hilfsarbeit für die Regierung des Christdemokraten Andreotti, wieder in die Opposition geflüchtet. Bald mußte Cossiga erleben, daß ihm der Beistand der Sozialisten aber auch „technisch“ nicht sicher war: Meistens stimmten sie mit den Kommunisten, und unaufhaltsam zerbröckelte die Illusion des Sozialistenführers Craxi, seine Partei als dritte Kraft zur eigenständigen Achse der italienischen Politik zu machen.

Der Waffenstillstand, den Craxi der Regierung Cossiga zugesagt hatte, sollte zwar nur bis zum Parteikongreß der Christdemokraten Ende Dezember dauern, doch diese schoben den Termin immer wieder hinaus – nicht nur aus Unentschlossenheit, sondern auch in der stillen Hoffnung, Craxi werde seine Genossen doch wieder zur Rückkehr in eine linkere Koalition der linken Mitte (ohne Kommunisten) bewegen können und bis dahin lasse sich Cossigas Gnadenfrist verlängern.