Von François Bondy

Über den von Sowjetführern bis ins Detail gesteuerten Budapester Prozeß vom Juni 1958, der mit der Hinrichtung des Premierminister Imre Nagy, des Verteidigungsministers Pal Maléter und des Journalisten Miklós Gimes endete – zwei Hauptangeklagte waren schon vorher umgebracht worden –, gibt es kein genaueres Zeugnis als die jetzt erschienenen Memoiren des Budapester Polizeipräsidenten von 1956, Sándor Kopácsi, der mit „Lebenslänglich“ davonkam, nach sieben Jahren Kerker wieder wie einst und wie vor ihm sein Vater Dreher in einer Fabrik wurde und im Vorfeld der Konferenz von Helsinki dank internationalem Druck nach Kanada auswandern durfte:

Sándor Kopácsi: „Die ungarische Tragödie, Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1979; 326 S., 38,– DM.

Diese Erinnerungen – gibt es keine gedruckte ungarische Fassung? – haben im Vergleich mit anderen Zeugnissen, mit Dokumenten, mit historischen Darstellungen ihre eigene Note und Bedeutung. Auch strahlen sie eine Menschlichkeit aus, dank welcher aus einer Zeit der Staatsverbrechen, der Heimtücke und des Blutvergießens schließlich mehr Beispiele von Anstand oder Scham als von Gemeinheit im Gedächtnis bleiben. In den sechziger Jahren bat Jozsef Szalay, der Staatsanwalt, der die Todesstrafen wie die lebenslängliche Haft für den Polizeichef beantragt hatte, Freunde, ihn gemeinsam mit dem Ehepaar Kopácsi einzuladen. Auf dem Heimweg sagte er auf einmal: „Sándor, kannst du mir verzeihen?“

Die bedeutendsten Memoiren ungarischer Intellektueller – jene von Julius Hay sind erfreulicherweise neu verlegt worden – bieten die Erfahrung eines weiten internationalen Horizonts. Hier jedoch finden wir eher die Sicht von Arbeitern, die vom Maquis aus in den Apparat aufgestiegen und, auch wenn sie Ferien in der Sowjetunion machten, im Grunde nur ihr eigenes Land kannten.

Durch die Organe des Schriftstellerverbandes, durch den Petöfi-Klub, wirkte die ungarische Bewegung nach außen hin, als seien sie von Intellektuellen nicht nur artikuliert, sondern ausgelöst worden. Hier jedoch wird klar, in welchem Maß sie von Kommunisten proletarischen Ursprungs getragen wurde. Die Petition in Nordungarn für Kopácsi, die ihn vor dem Todesurteil rettete, hat mit dieser Verwurzelung zu tun.

Nachträglich staunen wir über die Naivität, mit welcher die neuen Minister nach dem Bruch mit dem Parteimonopol und mit dem Warschauer Pakt wähnten, nun sei alles geregelt und die Sowjetführung werde den ungarischen Volkswillen respektieren. Diese Naivität war allerdings Intellektuellen und Arbeitern gemeinsam. Merkwürdig: Solange es um die Liquidierung jener Parteien ging, die in freien Wahlen die Mehrheit errungen hatten, waren die gleichen Kommunisten realistische Machttechniken gewesen, die nach Bedarf Versprechungen brachen. Sie fühlten sich bei der „Heimat der Werktätigen“ geborgen und durch ihr Menschheitsziel gerechtfertigt.