Von Horst Bieber

Mehr als vier Wochen hatte der maximo lider geschwiegen und mit dieser Demonstration schon seine Auffassung bekundet. Fidel Castros erste Stellungnahme, übermittelt in einer Botschaft an die UN-Konferenz für wirtschaftliche Entwicklung in Neu-Delhi, ließ dann an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Die Vorgänge in Afghanistan haben an dramatischer Bedeutung zugenommen, die jeden beunruhigt, der auf der Grundlage, daß ein jedes Volk das Recht auf Souveränität, Integrität und Unabhängigkeit besitzt, den Frieden wünscht.“ Natürlich fehlte der Hinweis nicht, der Imperialismus nutze jede Gelegenheit, seinen Einfluß auszudehnen, aber angesichts des besonderen Verhältnisses zwischen Moskau und Havanna kommt dieser eine Satz einer Ohrfeige des kleinen Partners für den großen Bruder gleich.

Castro hat allen Grund, sich so massiv von der sowjetischen Afghanistan-Invasion zu distanzieren. Der Kreml hätte sich keinen für die Insel ungünstigeren Moment aussuchen können, ein blockfreies Land zu überfallen, Washington herauszufordern und der Entspannungspolitik zu schaden. Denn Kuba bekommt die Auswirkungen sofort und schmerzhaft zu spüren.

Innenpolitisch kämpft Castros Regierung mit einer schweren Wirtschaftskrise, die er auf menschliches Versagen zurückführt: Jahrelang haben die Kubaner hart gearbeitet in der Hoffnung, eines Tages die Früchte ernten zu können. Als sie nicht reif werden wollten, verhielten sie sich, wie zu erwarten war: Sie arbeiteten weniger und schlechter, was die Versorgungsschwierigkeiten noch vergrößerte. Die Maßnahmen der Führung griffen nicht. So wurden zahlreiche kleine, noch private Tabakfelder in Kooperativen zusammengefaßt mit der Folge, daß die Arbeiter das Interesse verloren. Prompt brach die sogenannte Tabakfäule aus, die nur mit hohem Arbeitseinsatz bekämpft werden kann. Ein Gerücht will wissen, daß sogar Castro auf seine Lieblingszigarre verzichten muß, weil der Tabak Opfer der Fäule wurde.

Wie ernst die Lage ist, beweisen Überlegungen, den jahrelang verketzerten Straßen-Kleinhandel mit privat gezogenem Gemüse und Geflügel wieder zuzulassen oder sogar zu fördern. Nach der Regierungsumbildung vor drei Wochen, der die „schuldigen“ Minister Zum Opfer fielen, sind nun die Parteiführungen der Provinzen an der Reihe. Lokale Größen auf dem Lande müssen abdanken, linientreue Genossen aus Havanna nehmen ihre Posten ein. Mit einem Male erkennt die kubanische Führung wieder „Verbrecher und gesellschaftsfeindliche Elemente“, „Schmarotzer“ und ,,Schwarzmarkthyänen“. Polizeikontrollen und Verhaftungen haben sprunghaft zugenommen.

Parallel zu den inneren Nöten hatte Castro nach außen eine Strategie der Besänftigung eingeleitet. Den Vereinigten Staaten bescheinigte er Vernunft und Geduld im Teheraner Geiseldrama; die von Kuba unterstützten Befreiungskriege müßten, so erklärte er mehrfach, nicht zwangsläufig in marxistische Systeme einmünden; schließlich schicke er Techniker auch in Staaten, die stramm kapitalistisch wirtschafteten; In Nicaragua – für Washington ein besonders empfindlicher Punkt – besitze Kuba nur deshalb solchen Einfluß, weil es als erstes Land rasch und umfangreich geholfen habe und nichts unternehme, sein Modell dort gewaltsam einzuführen.

Dann marschierten die Russen in Afghanistan ein, und vieles spricht dafür, daß der Kreml seinen Bundesgenossen vorher weder informierte noch konsultierte. Den ersten Preis zahlte Castro, als ihm die aufgeschreckten Blockfreien den Sitz im UN-Sicherheitsrat verweigerten. Nach seinem fehlgeschlagenen Versuch, auf dem Gipfeltreffen der Blockfreien in Havanna die Sowjetunion zum natürlichen Verbündeten zu erklären, zeigte ihm diese Entscheidung, daß er sich isolierte. Sollte er nun weiterhin Nibelungen-Treue beweisen?