Von Christian Graf von Krockow

Jede Gesellschaft steht vor einer schwierigen Aufgabe; sie; muß ihren Mitgliedern einen sozialen Ort, einen Status zuweisen. Genauer: Weil es eine Fülle von verschiedenartigen Funktionen und damit Arbeitsteilung gibt, müssen unterschiedliche Ortsbestimmungen vorgenommen werden. Ungleichheit entsteht. Und diese Ungleichheit braucht Rechtfertigungen, braucht Legitimation.

In gewissem Sinne stellt sich das Problem schon bei gesellig lebenden Tieren. Deshalb gibt es Kämpfe um den sozialen Rang, und eine „Hackordnung“ wird durchgesetzt. Meist entscheidet die schiere Körperkraft: Der stärkste Bulle ist der Boß. Ähnliches findet man manchmal auch bei Menschen, etwa bei einer jugendlichen Straßenbande, die ihr „Revier“ erobert und gegen komplexeren Banden Verteidigt,

Aber bei komplexeren Sozialgefügen erweist sich die Kraftmethode als nicht sehr praktisch. Darum wurden andere Auswahlkriterien erfunden. Im wesentlichen und es fünf: Geburt, Geschlecht, Alter, Wahl und Leistung. Diese Kriterien lassen sich wiederum in zwei Gruppen unterteilen: Geburt, Geschlecht und Alter gelten als vorgegeben. sie sind dem einzelnen schicksalhaft vorgegeben. Wahl und Leistungsauslese dar. len dagegen „künstliche“ Veranstaltungen dar.

Mit der modernen Entwicklung, die zur Industriegesellschaft hinführt, läuft nun ein sehr konfliktgeladener und noch keineswegs abgeschlossener Verlagerungsprozeß ab fort von den „natürlichen“, hin zu den „künstlichen“ Kriterien. In älteren Ordnungen bleibt die Kombination von Wahlverfahren und Leistungsauslese die Ausnahme. Sie kommt vor, etwa im Krisenfalle eines Krieges als Wahl des Heerführers, des Herzogs. Aber sogar dabei zeigt sich die charakteristische Tendenz, Titel und Amt erblich zu machen. Das ist verständlich. Denn die „natürliche“ Statuszuweisung – daß zum Beispiel der älteste Sohn den Hof, den Adelstitel, den Thron erbt – stellt ein Mittel der Stabilisierung und der Konfliktvermeidung dar: Über Entscheidungen, die immer schon vorweg von Gott oder der Natur getroffen wurden, braucht man nicht mit Menschengewalt zu streiten.

Doch mit der Entfaltung einer auf Veränderung angelegten, dynamischen Industriegesellschaft mit offenem Zukunftshorizont und angesichts immer wachsender Entscheidungslasten werden die alten Mittel zunehmend unansehnlich. Daß einer der älteste Sohn seines Vaters ist, garantiert ja schwerlich, daß es sich nicht um einen ausgemachten Trottel oder; Bruder Leichtfuß handelt, der den Hof, die Firma, den Staat ruiniert. Das Erbe repräsentiert Dauer, Kontinuität. Es besagt nichts für die Zukunftsbewältigung und Veränderungskapazität, Entsprechend steht es mit der Weisheit, der angesammelten Erfahrung des Alters, die beim stets umfassenderen, immer beschleunigten Ablauf von Veränderungen zunehmend entwertet wird. Und das Geschlechtsprinzip – Mann vor Frau – verkehrt sich in die pure Diskriminierung. Es ist also kein Zufall, sondern systembedingte Notwendigkeit, daß mit der modernen Entwicklung die „künstlichen“ Verfahren der Wahl und der Leistungsauslese in den Vordergrund rücken.

Dabei bedingen und ergänzen Wahl- und Leistungsprinzip einander. Einerseits ist das Wahlprinzip – mit irgendeiner Art von Mehrheitsregel – dem der Leistung übergeordnet. Durch Wahlen soll über die von verschiedenartigen Interessen und Anschauungen bestimmten strategischen Ziele sozialen Handelns entschieden werden. Das Leistungsprinzip hat sich dann als ausführendes, mittelbezogenes dem zielbezogenen Wahlprinzip unterzuordnen. Andererseits und zugleich stellt das Wahlprinzip aber eine Art von Lückenbüßer, eine bloße Ergänzung der Leistungsauslese dar. Überall dort nämlich, wo die Maßstäbe der Leistung undeutlich bleiben, wo man nicht exakt vergleichen und den Vergleich nachmessen kann, muß die Wahl als Hilfsinstrument einspringen: etwa, obwohl der Idee nach leistungsorientiert, bei der Wahl des Vorstandsmitglieds einer Firma, des Professors für einen Lehrstuhl, des Kanzlerkandidaten einer Partei. Nur selten gibt es so überragende Leistungsbeweise, daß sie die Qual der Wahl überflüssig machen.