Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Februar

Die Inszenierung im großen Festsaal des Elyséepalastes ließ Besonderes ahnen. Während Staatspräsident Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Schmidt normalerweise die deutsch-französischen Konsultationen mit einem kurzen Stehkonvent und mehr oder weniger selbstverständlichen Erklärungen abschließen, hatte man diesmal einen Empire-Tisch ins Scheinwerferlicht der Fernsehkameras gerückt. Hinter zwei Sesseln bauten sich Livrierte im schwarzen Frack auf, der Vorhang teilte sich hinter der Szene, die Zelebrierung deutsch-französischer Eintracht konnte beginnen.

Erste Szene: Stummes Vorspiel. Die beiden Verteidigungsminister Hans Apel und Yvon Bourges unterzeichnen ein Abkommen über die gemeinsame Entwicklung eines Kampfpanzers. Zweite Szene: Die Hauptdarsteller nehmen Platz, um diesen 35. Gipfel in die Sphäre des Außergewöhnlichen zu erheben. Die Komplimente, die sich Schmidt und Giscard zuspielen, sind artig wie immer. Doch als sie vom „Ausdruck vollkommener Übereinstimmung“ sprechen, klingt es glaubwürdiger als sonst. Über zehn Stunden hatten Kanzler und Präsident von Sonntag bis Dienstag beratschlagt; schon am Dienstag früh wurde eine Resolution bekanntgegeben, die klarer war, als man in Bonn und Paris erwartet hatte. Das Wort Helmut Schmidts hatte seine Berechtigung: „Das Treffen war kein Routineereignis.“

Routine sind sie in aller Regel, diese Konsultationen, die im Sommer in Bonn und Anfang des Jahres in Paris stattfinden. Meist wird mehr abgehakt als angeregt, noch weniger wird entschieden. Am Ende einer Konsultation werden praktisch schon die Themen für die nächste besprochen. Findet sie in Paris statt, sammelt das Kanzleramt um Weihnachten die Tagesordnungspunkte; Mitte Januar macht die französische Seite ihre Vorschläge. Etwa zwei Wochen vor dem Ereignis berät dann das Kabinett über die Themenliste, und der Kanzler bestimmt, wer ihn an die Seine begleitet. „In der letzten Woche ist dann immer die Hölle los“, stöhnt ein Vertreter der Pariser Botschaft.

Diesmal setzte der Kanzler auf einen ausgesprochenen „Demonstrationseffekt“. Angesichts der weltpolitischen Lage legte er Wert darauf, die Bedeutung des Gedankenaustauschs mit Paris zu unterstreichen. Elf Minister machten sich auf die Reise, um ihre französischen Kollegen zu treffen. Ein deutscher Diplomat zweifelnd: „Ich bin nicht sicher, daß alle Minister sinnvoll eingesetzt sind.“ Arbeitsminister Herbert Ehrenberg zum Beispiel traf auf einen Kollegen, der gerade nach monatelanger Krankheit seine Amtsgeschäfte wieder aufgenommen hatte; zudem mußte er wegen eines Trauerfalls frühzeitig wieder abreisen.

Doch die Ministerliste war nur die Spitze des Eisberges. Insgesamt 69 Köpfe umfaßte die deutsche Delegation. Dazu kamen 28 Sicherheitsbeamte, davon allein sechs für den Kanzler. Die Fahrbereitschaft umfaßte nicht weniger als vierzig Wagen, ihre Einteilung machte allein sechzehn Seiten im offiziellen Programm aus. Kein Wunder, wo doch die Gäste aus Bonn einen so bemerkenswerten Wirbel veranstalteten. Der Kanzler traf mit seiner Maschine am Sonntagnachmittag in Orly ein, Außenminister Genscher kam gut eine Stunde später. Ministerpräsident Bernhard Vogel, der Kulturbeauftragte der Länder, landete am Montag kurz vor vier mit einer Linienmaschine der Air France in Roissy; etwa zur gleichen Zeit trafen zwei Delegationsflugzeuge in Orly ein. Verteidigungsminister Apel schließlich landete erst abends um 21 Uhr mit einer Bundeswehrmaschine. Nationalhymne und militärische Ehren blieben dem Bundeskanzler vorbehalten.