Von Jürgen Krause

Sie wollen keine Reporter mehr sehen. Die 28 Mädchen, die seit September 1978 bei Conti-Gummi in Hannover im Rahmen eines bundesweiten Modellversuches in den Berufen Betriebsschlosser, Dreher, Stahlformenbauer, Meß- und Regelmechaniker, Universalfräser und Chemiefacharbeiter ausgebildet werden, schrieben einen Brief, an die Firmenleitung. Darin baten sie, in der nächsten Zeit von der Presse verschont zu werden. Sie wollen sich in Ruhe auf die Zwischenprüfung durch die Industrie- und Handelskammer vorbereiten können, die im März ansteht.

Die immer wiederkehrenden Fragen der Presseleute, ob sie denn beim Feilen, Meißeln und Schweißen tatsächlich keine Probleme haben, können die „Modellfrauen“ nicht mehr hören. „Warum soll ein Mädchen das denn nicht lernen können?“ wundert sich eine der fünf angehenden Dreherinnen. „Wir sind zum Teil sogar besser als die Jungen.“

Der kürzlich fertiggestellte erste Zwischenbericht der vom Lehrstuhl für Erwachsenenbildung der Universität Hannover durchgeführten wissenschaftlichen Begleituntersuchung beweist, daß die Mädchen nicht übertreiben. Der Bericht stellt fest, daß bis auf das Meißeln, das für zierliche Mädchen anfangs körperlich recht anstrengend ist, zwischen den Mädchen und den Jungen keine Unterschiede bei der Bewältigung der Anforderungen der Ausbildung bestehen. Beim Schweißen zeigen die Mädchen sogar eine ruhigere Hand als ihre männlichen Kollegen. Ihre Schweißnähte sind in der Regel sogar besser.

Und noch mit einem weiteren Vorurteil räumt der Zwischenbericht auf. Es sind keine besonderen Wesen, sondern Frauen wie andere auch, die sich zutrauen, Berufe zu erlernen, die bislang als Domäne der Männer galten. Wie die Auswertung von Interviews ergab, haben fast alle „Modellfrauen“ vorher typisch weibliche Berufswünsche wie Krankengymnastin oder Bürokaufmann gehabt. Von den hannoverschen Mädchen trat der größte Teil nur deshalb die Modellehrstellen an, weil die von ihnen ursprünglich angestrebten Frauenberufe im nachhinein nicht ihren Vorstellungen entsprachen oder weil sie keinen entsprechenden Ausbildungsplatz bekommen konnten.

So wundert es denn auch nicht, daß die in der Vorlaufphase des Modellversuches in Hannover durchgeführten umfangreichen Aufklärungsmaßnahmen, durch die weibliche Schulabgänger schon in der Schule auf das erweiterte Berufswahlspektrum aufmerksam gemacht werden sollten, auf wenig Resonanz stießen. Erst eine gezielte Informationspolitik über die freien Ausbildungsplätze in der eigenen Firma und durch die Berufsberatung führte dazu, daß die 28 Plätze überhaupt besetzt werden konnten.

„Hier hat wohl der Name eines großen Unternehmens, der für eine gute Ausbildung steht, und nicht der Beruf die entscheidende Rolle gespielt“, mutmaßt Wilhelm Dahms, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Modellversuchs in Hannover. Ähnliche Erfahrungen machte man auch bei anderen der insgesamt fünf Modellversuche in Hamburg, Gelsenkirchen, Stuttgart und Ingolstadt. Doch daraus zu schließen, daß Mädchen trotz anhaltender Emanzipationswelle immer noch davor zurückschrecken, sich an eine Drehbank zu stellen, statt wie gehabt Sekretärin oder Krankenschwester zu werden, trifft nur einen Teil des Problems.