Haben die Amerikaner auf Afghanistan überreagiert?

Der große Umschwung in Afghanistan kam nach dem Coup vom April 1978. Nach meinem Gefühl hätten wir den Sowjets damals schon klarmachen müssen, daß der Umsturz den Regeln der Koexistenz zuwiderlief. Wenn wir mit solchen Situationen fertig werden wollen, brauchen wir ein zusammenhängendes Konzept, eine Strategie. Dann dürfen wir uns nicht auf einzelne Aktionen fixieren, deren jede bloß einem spezifischen Symptom gilt. Andererseits bin ich der Auffassung, daß etwas Dramatisches getan werden mußte, um eine Umkehr zu bewirken. Ich will nicht darüber spekulieren, ob alle Einzelaktionen der Regierung Carter richtig waren. In den nächsten Wochen müssen sie jedoch in ein Konzept aus einem Guß gebracht werden.

Müssen die Amerikaner ihre europäischen Verbündeten nicht erst einmal davon überzeugen, daß die Weltlage sich wirklich fundamental verändert hat – nicht nur das Denken eines belagerten Präsidenten, der um seine Wiederwahl zittert? Ist Carters Bekehrung nicht zu dramatisch, zu abrupt, als daß sie gänzlich überzeugen könnte?

Ich kann schon verstehen, daß die dramatische Bekehrung des Präsidenten Anlaß zu skeptischen Fragen gibt. Indes: Was immer Carters Motive gewesen sein mögen – und es wäre ja albern, so zu tun, als wenn ein Präsident in einem Wahljahr nicht auch von Wahlrücksichten geleitet würde –, so glaube ich doch, daß die Politik, die er einzuschlagen sucht, auf einer korrekten Einschätzung der Weltlage beruht. Diese Politik ist notwendig. Sie ist überfällig. Sie muß Erfolg haben. Sie muß sich ausdrücken in einem konkreten Maßnahmenkatalog, in dem Amerikas Engagement und seine Kraft, sie zu erfüllen, in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Dazu können die Europäer einen bedeutsamen Beitrag leisten.

Wie lassen sich im Westen gemeinsames Handeln und eine Gesamtstrategie erreichen? Jedesmal, wenn es um zwei Prozentpunkte Inflationsrate oder fünf. Prozent Energieeinsparung geht, steigen die Staatsmänner der Welt in Guadeloupe, in Tokio oder sonstwo auf einen Gipfel. Nichts dergleichen passiert zur Zeit.

Zunächst einmal ist es an den Vereinigten Staaten, sich darüber klarzuwerden, was die Bedrohung ist und wie wir ihr entgegentreten können. Auch unsere Verbündeten in Europa und anderswo müssen sich diesen Fragen stellen. Nach meiner Ansicht sollten die Teilnehmer der früheren Gipfelbegegnungen, sobald sie sich ihre eigene Meinung gebildet haben, in den nächsten vier bis sechs Wochen zusammentreffen, um zu einer gemeinsamen Lageeinschätzung zu kommen, den Umriß einer gemeinsamen Strategie zu entwerfen oder mindestens herauszufinden, wo ihre Meinungen auseinandergehen – selbst dies wäre wichtige Ein solcher Gipfel müßte spätestens Mitte März stattfinden.

Können die Europäer es sich leisten, der amerikanischen Sanktionspolitik zu folgen, zumal die Westdeutschen, die in ihrem geteilten Land am Rand des Ostblocks leben und bei ihrer Erdgasversorgung, der Urananreicherung und in anderer wirtschaftlicher Hinsicht auf die Sowjetunion mit angewiesen sind?