Was, so fragt sich der nicht Ortsansässige, ist eigentlich in der Kölner Kunstszene los? Das Endstadium des Karnevals? Oder Kölner Klüngel en suite? Oder hochkarätige Kulturpolitik?

Die Antwort ist kurz und umfassend: Es ist alles auf einmal. Aber nachdem nun am 1. Februar durch die Wahl Gerhard Botts, des derzeitigen, aber seit kurzer Zeit faktisch entmachteten Generaldirektors der Kölner Museen, zum Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, eine Entscheidung gefallen ist, die für die Beteiligten doch ein „Ende gut, alles gut“ bedeuten muß, kann man den entbehrlichsten Teil der Kölner Multi-Media-Darbietung vergessen und die Situation bilanzieren. Und, um das vorwegzunehmen: das Ergebnis ist ziemlich strahlend; wobei mit diesem Ergebnis nicht nur die Besucherzahlen in einem der populärsten Museen Deutschlands, dem Römisch-Germanischen Museum von Hugo Borger, oder die kürzlich vorgestellten millionenschweren Ankäufe des Ludwig-Museums gemeint sind, sondern die Ambition und das Engagement, mit denen in Köln jedes Stückchen Kunst verhandelt werden; und wobei auch die Tatsache, daß Machtkämpfe um Positionen in der Museums-Hierarchie angezettelt werden, auf die letztendlich positive Seite zu schlagen ist.

Mit Hugo Borger hat Köln jetzt einen brillanten und ambitionierten Museumsmann als Generaldirektor; mit Karl Ruhrberg, dem Direktor des Museums Ludwig, wäre ein im Umgang mit der zeitgenössischen Kunst wie auch der dazugehörigen Politik ungemein erfahrener Stellvertreter vorhanden. Peter Nestler, der vor einem Jahr aus Berlin importierte Tausendsassa im Amt des Kulturdezernenten, kann sich nun, da er die erste Krise mit Geschick und Tücke überwunden hat, daran machen, die kleinen und großen kulturellen Superprojekte zu realisieren.

Zwei Beispiele, um zu zeigen, mit welcher Lust und Ambition man sich in Köln der Kunst zwischen Karneval und Kirche verschreibt, ein kurzfristiges und ein langwieriges.

  • In diesem Jahr ist der Dom 100 Jahre alt. In Köln feiert man dies (ja nicht entsetzlich eindrucksvolle) Jubiläum drei Monate lang rund um die Uhr und in fast allen Museen und Ausstellungshäusern; man feiert nicht nur mit kunst- und kulturgeschichtlichen Retrospektiven, sondern beauftragt auch zeitgenössische Künstler mit Arbeiten zum Thema.
  • Nur ein paar Schritte vom Dom entfernt und diesen integrierend reift ein Großraum-Unternehmen heran, das, wenn es gelingt, zu einem urbanen Kulturzentrum von europäischem Rang werden kann: das sogenannte „Projekt Altstadt/Dom/Rhein“. Bis jetzt ist von diesem Projekt nur die sich als große Wunde präsentierende Baugrube des „Museum Ludwig“ zu sehen und auf dem Umweg dieses Namens und mit gelegentlich aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen auch schon in Mißkredit geraten. Peter und Irene Ludwig, die kunstsinnigen und ehrgeizigen Millionäre, so heißt die Kurzfassung der etwas schiefen Geschichte, haben sich mit ihren teils als Schenkung, teils als Dauerleihgabe überlassen, teils als Stiftung versprochenen und teils noch im Hintergrund lockenden Kunstwerken ein Monument in Gestalt eines eigenen Museums erpreßt – und das für eine dreiviertel Milliarde.

Daß Stifter mit den gestifteten Kunstwerken überleben wollen, ist nicht neu und ist menschlich verständlich. Und daß Peter Ludwig mit seiner expansiven Leidenschaft für die Kunst auch ein Machtfaktor ist und diese Situation kennt und ausspielt, ist auch nicht erstaunlich.

Nur: nicht „sein“ Museum kostet eine dreiviertel Milliarde, sondern das ganze Stadtbau-Projekt, das zwischen Dom und Rhein, mit dem bereits vorhandenen „Römisch-Germanischen Museum“ und dem neuen Doppelmuseum (Ludwig und Wallraf-Richartz) plus Konzertsaal als Zentrum eine völlig neue, autofreie Kulturzone ergeben soll. Ob das gelingt, oder ob am Ende etwas ähnliches herauskommt wie der Kunstvernichtungszirkus am und im Pariser Centre Pompidou, das ist eine andere Frage. Aber: Welche Stadt hätte nicht gern einen Ludwig? Und: Wo gibt es schon einen Klüngel wie den Kölner?

Petra Kipphoff