Noch ist Pakistan unschlüssig: Wie soll es sich gegenüber den Sowjets verhalten?

Von Andreas Kohlschütter

Islamabad, im Februar

Freundschaft ist eine schwere Bürde um den Hals“, witzelte Präsident Carters Sicherheitsberater, Zbigniew Brzezinski, als er sich, voll behängt mit traditionellen Girlanden, auf dem Khyber-Paß den Photographen stellte. Vom Michini-Picket, einem in luftiger Gebirgshohe gelegenen Grenzposten der Khyber Rifles, warf der Geo-Stratege aus dem Weißen Haus einen weiten Blick in das von russischen Divisionen besetzte Afghanistan hinein. Zum Spaß richtete er das ihm in die Hand gedrückte Kalaschnikow-Gewehr gegen den großen, unsichtbaren Feind auf der anderen Seite. Es juckte ihn in den Fingern: „Eigentlich möchte ich gern schießen, aber ich lasse es lieber bleiben.“ Da krachte über dem Besuchertroß eine Maschinengewehrsalve los, deren langes Echo dröhnend aus den Tiefen des Tales zurückschlug. Ein pakistanischer Soldat hatte abgedrückt und in seinem Enthusiasmus beinahe die Kontrolle über die gefährlich rundum streuende Waffe verloren. „Ich war es nicht“, rief Brzezinski lautstark in die Runde, als müßte er sich rechtfertigen, und gab nachher zu: „Zum Glück haben die Russen nicht zurückgeschossen.“

Leerformeln für die Rebellen

Auch auf den übrigen Stationen seiner Visite entlang der neuen Grenze des Kalten Krieges im Nordwesten Pakistans zügelte der Emissär aus Washington sein polnisches Temperament. Zwar versprach er den Lagerältesten, die ihn im afghanischen Flüchtlingscamp von Tindu mit Allah-Akhbar-Chören („Gott ist groß“) empfingen: „Das Land dort drüben ist euer Land. Ihr werdet eines Tages heimkehren in eure Häuser und Moscheen, denn Gott ist auf eurer Seite.“ Aber für die an ihn herangetragenen Waffenwünsche – „Wir wollen weder Zelte noch Mehl, sondern Waffen und Munition“ – hatte Brzezinski nur heroische Leerformeln parat: „Niemand in der Geschichte hat das afghanische Volk je unterdrücken können. Euer Kampfgeist ist wichtiger als Hubschrauber und Panzer.“ Und auf die konkrete Frage eines westlichen Journalisten, ob Amerika die afghanischen Rebellen militärisch unterstützen werde, antwortete „Zbig“ ausweichend: „Völker, die entschlossen sind, für ihre Freiheit zu kämpfen, gewinnen in der Welt Respekt, Sympathie und oft mehr als das. Das ist eine Lehre der Geschichte und keine politische Erklärung.“

Von solcher „kraftstrotzender Zweideutigkeit“, wie ein diplomatischer Beobachter sich ausdrückte, war Zbigniew Brzezinskis ganzer Auftritt im Frontstaat Pakistan geprägt. Darüber kann auch die im Dialog mit dem pakistanischen Präsidenten Mohammad Zia ul-Haq und dessen Außenminister, Aga Schahi, erzielte „volle Obereinstimmung im Hinblick auf die durch die sowjetische Intervention in Afghanistan entstandene Gefahrendimension“ nicht hinwegtäuschen. Eine sowjetische Aggression vom Norden her gegen Pakistan, das machte Brzezinski in seiner Pressekonferenz klar, würde Amerikas „eigene Interessen beeinträchtigen“. Und er stellte in Aussicht, das durch die Regierungsvereinbarung von 1959 Pakistan gegenüber abgegebene Militärhilfsversprechen aufzuwerten und vom Kongreß „in Form eines Vertrages oder einer Prozedur mit gleichermaßen verbindlicher Wirkung“ absegnen zu lassen. Damit kam Washington dem pakistanischen Drängen nach einer zuverlässigeren, engeren und langfristigeren Allianz-Bindung entgegen.