„Am Weißen Sonntag trugen die Mädchen schwarze Lackschuhe“, von Monikalisa Stern. Mit dem schönen Titel sind bereits Personen und Zeit dieses „Heimatfilmbuchs mit ethnographischen und monumentalen Einschiebungen“ genannt. Erzählt wird eine Kleinstadt-Geschichte aus den fünfziger Jahren: die Zurichtung eines kleinen Mädchens, das, mit den Riten und Glaubenssätzen der katholischen Kirche konfrontiert, zweifelt und hofft, ängstlich lebt und am „Weißen Sonntag“, dem Tag der Erstkommunion, mit Lackschuhen und schönem Kleid „von dazu ausgebildeten Männern, den Priestern“, ins erwachsene Kirchenleben eingeführt wird – „einen Initiationsritus zu vergleichen Die Autorin hat keine autobiographische, leicht identifizierbare Geschichte geschrieben. Sie entzieht sich dem chronologischen Erzählduktus mit Hilfe der Montage. Neben die exakte Beschreibungsebene stellt sie kindliche Phantasien, Predigten, Anmerkungen. Vor allem aber gibt es Bilder und Zeichen: kleine Heiligenbildchen, Postkarten, Familienphotos, Porträts, die erst im Daumenkino Gestalt annehmen. Die Kleinigkeiten des Alltags sollen mit der „Ewigkeit“, mit dem ideologischen Oberbau zusammengebracht werden – aus der Sicht des Kindes. Die Autorin, die ihre literarische Praxis der Filmtheorie verschreibt, formuliert: „Wenn Symbolik, dann so faustdick, daß jeder auf Jagd nach etwas anderem geht.“ (Rotbuch Verlag, Berlin, 1979; 125 S., 11,– DM)

Manuela Reichart

„Mein Vater war Schneevogt“, Gedichte von Jochen Missfeldt. Die Lyrik wird offensichtlich vielfältiger, bunter. Denn man bekommt gelegentlich wieder Texte zu lesen, die nicht mehr ausschließlich den gesellschaftlichen Nutzeffekt im Auge haben. Jochen Missfeldt, 1941 in einer Ortschaft des Kreises Schleswig geboren und heute in Nordfriesland lebend, ist ein lyrisches Talent, das sich auf persönliche Weise verlautbart – in meist kurzen Texten, die, etwas vergrübelt und bewußt ein bißchen verquer, die Wirklichkeit festhalten, auslegen: „Die Marsch ist plattfischplatt.“ Oder: „Komm, schmink dich ab / mach kein Theater / ich hab dich erkannt: / Du durchschaust mich.“ Manches ist etwas kurzgeschlossen, geht lapidar aufs Ziel zu und sagt zwei, drei Alltäglichkeiten oder kleine Merkwürdigkeiten her, um sodann einen Leser zurückzulassen, der weniger ein Gedicht, doch immerhin eine frische, subjektive Äußerung präsentiert bekommen hat. Missfeldt, sofern er nicht hier und da etwas ausführlicher wird und zeitgenössische Möglichkeiten der Ballade oder doch des Erzählgedichts erprobt, ist ein Schnappschußpoet und zudem ein munterer Zeitgenosse, der seine Kunststückchen vorführt und seine Gedankenspiele betreibt. Der Platz, den er hierbei am liebsten einnimmt, ist der, den er auch uns anempfiehlt, wenn wir mal, wie er, nach Zürich kommen sollten: „Sieh dir keine Sehenswürdigkeiten an / ... / kauf keine Andenken / die Altstadt sei dir wurscht und / das Geschnetzelte laß die andern essen / setz oder stell dich einfach irgendwohin.“ (Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, 1979; 79 S., 12,– DM.)

Hans-Jürgen Heise

„... einFACH gesimpelt – Aphorismen“, von Gerhard Uhlenbrock. Wenn einer torkelt, kann er zu tief ins Glas, aber auch zu tief in einen Aphorismenband geschaut haben: Eine Schrotladung Giftkörner ins Hirn tut ihre Wirkung: „Die Toten bekommen schnell festen Boden über die Füße.“ – „Der Fortschritt kostet, was er will.“ – „Die Krebsforschung bewegt sich im Krebsgang fort.“ – „Auch in den Verkehrsadern fließt Blut.“ Der Autor, Jahrgang 1929, Professor für Immunologie in Köln, veröffentlichte 1977 einen ersten Aphorismenband „Ins eigene Netz“. Er stapelt tief, wenn er jetzt im Titel auf medizinische „Fachsimpelei“ abhebt. Uhlenbrock verleugnet seinen Beruf nicht (der ihn zum Fressen gern hat), aber der geübte diagnostische Blick des Mediziners („No body is perfect“) läßt sich auch außerhalb von Labor und Klinik kein kritikwürdiges Sujet entgehen: „Unsere Luft ist so verschmutzt, daß auch in Luftschlössern keiner mehr wohnen möchte.“ – „An Stelle der gemischten Gefühle sind heute die gemischten Gefühllosigkeiten getreten.“ Ein weltmännischer Versuch von Welterhellung ausgerechnet in einer Nachtbar: „Ein ewig dauernder Striptease: die Wahrheit zu enthüllen.“ Der mir auf den Leib geschriebene Lieblings-Aphorismus: „Er hatte es vom Hypochonder zum Fachpatienten gebracht.“ (Stippak Verlag, Aachen, Postfach 12 62, 1979; 114 S., 14,80 DM.)

Hans-Hermann Kersten