Tübingen: „Gotthard Graubner“

Ein Werkaspekt nur, der aber doch eine geschlossene Übersicht möglich gemacht hat: Gotthard Graubners „Arbeiten auf Papier“. Die Tübinger Ausstellung zeigt alle Einzelschritte auf, die den stillen und undramatischen Bewegungsverlauf dieser Malerei kennzeichnen. Die „Arbeiten auf Papier“ sind dabei nicht Nebengleis der „eigentlichen Arbeit“, nicht einfach Skizzen im Dienst etwa der bekannten, Graubners Werk dominierenden „Farbraumkörper“. Auch die Zeichnung, das Aquarell oder die Gouache treten hier mit bildhaften Anspruch auf. Die beiden Eckarbeiten der Ausstellung machen dies besonders anschaulich. Ein frühes „Selbstbildnis mit Hut“ – eine Prachtzeichnung voller Verehrung für Cézanne – und das Schlußbild „Großes rot-schwarz“ (1978) im amerikanischen Format (157 mal 498 cm). Dazwischen Beispiele einer bedächtig-besonnenen Entwicklung, wie sie gemessen an der Sprunghaftigkeit der Kunst der letzten Jahrzehnte schon bemerkenswert erscheint. Deutlich wird – den Ausstellungsweg entlang – daß Graubner Farbe nie als pure Sensation oder nur als Ausdrucksträger einer stufenreichen Empfindungspalette verwendet, sondern Farbe immer auch als Bildfigur begreift Farbe ist in dieser Malerei sinnliche Qualität wie auch Expression, aber eben auch Gegenstand der bildnerischen Auseinandersetzung. Aus den Akt-Zeichnungen der späten fünfziger Jahre wird in der formalen Vereinfachung ein tailliertes Rechteck mit weichen Ecken und erkennbarem Zentrum durch Farbverdickung oder Ausdünnung („Nabel“). Diese „Figur“ bleibt ohne laute Modifikation bestehen. Sie wird Grundtyp und Grundgeste dieser Malerei. Als Farbfeld hängt sie mal frei im Bildraum. Mal besetzt sie ihren Untergrund vollständig, wächst bis zur Bildbegrenzung hinaus. Mal wird sie körperhaft: faltige Fließblätter sind dann als Farbreliefs auf den Bildträger montiert Der Eindruck ist immer der einer großen Ruhe und Ausgeglichenheit. Graubners kleine Aquarelle rufen zuweilen Seherlebnisse mit Schlemmers „Fensterbildern“ wach. Jede Arbeit ist für sich, steht für sich, steigert oder korrigiert sich nicht in der Serie. Die Farbe: zurückhaltend, niemals blendend, von sanfter Tonigkeit. In den letzten Jahren hat sie mit der Monumentalisierung der Formate auch etwas Pathetisches bekommen. Dunkelrot und violett, feierliches Blau, aus vielen Farblagen aufgebaute Wirkungen. Die Dichte vermittelt sich direkt, und spürbar wird, wie die eher abwartende Gestimmtheit dieser Malerei dabei ist, auch mal den Kanzelton anzustimmen. (Kunsthalle bis 17. 2., Katalog in Vorbereitung)

Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen

Aachen: „Les noveaux fauves/Die neuen Wilden – eine neue Tendenz in der zeitgenössischen Malerei in Amerika, Frankreich und Deutschland“ (Neue Galerie – Sammlung Ludwig bis 7. April, Katalog 12 Mark)

Berlin: „Für Augen und Ohren – von der Spieluhr zum akustischen Environment“ (Akademie der Künste bis 2. März, Katalog 22 Mark)

Bonn: „Die Numider – Reiter und Könige nördlich der Sahara“ (Rheinisches Landesmuseum bis 29. Februar, Katalog 25 Mark)