Von Willy Hochkeppel

Er ist die große Lehrerfigur unter den deutschen Denkern dieser Zeit. Viele können sich auf ihn berufen, vielen hat er auf den Weg geholfen. Auch jetzt, wo er achtzig wird, haben seine „philosophischen Lehrjahre“ – so der Titel seiner Autobiographie, in der er sich selbst merkwürdig unterbelichtet präsentiert – kein Ende gefunden. Denn als „lebenslanger Schüler Platos“ vor allem bedeutete ihm Lehre immerwährendes Lernen. So blieb er ein Bewahrer des von alters her Vorgedachten, Umwälzer gewaltiger überkommener Gedankenmassen, die zu verstehen und auf Sinngehalte abzuklopfen er keine Ruhe gibt. Überlieferung, Geschichte erweisen sich dabei im genauen Sinn als das Fatale, dem nicht zu entrinnen ist, dem man sich auszuliefern hat, dessen Sage es zu verstehen gilt.

Den Professorensohn aus Marburg, in Breslau aufgewachsen, zog es früh schon zu den „Schwätzprofessoren“, wie der Vater, ein Naturforscher, die Geisteswissenschaftler, die Philosophen und Philologen namentlich, apostrophierte. Gadamer wurde beides, Philosoph und (klassischer) Philolog von Rang. Als das „wahre Organon der Philosophie“ bestimmt er, mitten in einer Ära wissenschaftlich betriebenen Philosophierens, die Kunst. „Diese Wahrheit wiederzugewinnen“ so wird nicht ohne Pathos proklamiert, „wies uns unser geschichtliches Erbe an.“ Wär’s auch nur ein Bröcklein Wahrheit – das szientistische Denken hat sich ihrer – der „Aktualität des Schönen“, wie es im Titel eines kleinen Reclam-Bändchens heißt – oft genug zu seiner eigenen Verkümmerung begeben.

Gadamer nennt seine philosophische Hermeneutik, seine Kunst des Auslegens, des Verstehens und Verständlichmachens von Texten, eine Praxis. Den Forderungen derzeitiger Wissenschaftsphilosophen nach Präzision, nach einem in jedem Einzelschritt überprüfbaren Verfahren, das seine Objekte fixiert, festmacht, widerspricht solche Praxis des Verstehens. Im Begriff geht das Gedachte für Gadamer nicht auf, es ergreift vielmehr noch den, der es zu verstehen sucht. Wie die Erfahrung von Wahrheiten, die sich wissenschaftlichen Analyse entziehen – solche Kunst, der Philosophie, der Geschichte –, durch ein Verstehen des sprachlich Überlieferten möglich ist, will er mit seiner universalen, alles spezifischen Methoden schon vorausliegenden Hermeneutik klären.

Sein Buch „Wahrheit und Methode aus dem Jahre 1960, zweifellos eines der wichtigsten Werke der letzten 35 Jahre, ist der maßgebliche Leitfaden dazu. Gleichwohl ist sein Œuvre keine Lehre, kein Konstrukt aus Lehrsätzen und keinesfalls eine Methodenlehre, bei deren Studium Wahrheit umstandslos herausspränge; es ist eher Protokoll einer behutsamen Sinn-Entdeckung in immer neuen Ansätzen: in der Dichtung (etwa im „Kommentar zu Paul Celans ,Atemkristall‘“, 1973, oder 1977 in den Essay-Band „Poetica“), bei Platon natürlich („Platos dialektische Ethik“, hervorgegangen aus seiner bei Heidegger angefertigten Habilitationsschrift, 1931 als Buch erschienen), bei Hegel („Hegels Dialektik. Fünf hermeneutische Studien“, 1971), beim Meisterdenker Heidegger („Kleine Schriften III: Idee und Sprache“, 1972), von den Gadamer wohl nicht nur in Leipzig „das verdammte Gefühl“ hatte, er „gucke“ ihm bei seiner Arbeit „über die Schulter“.

„Fremde Fragen zu eigenen werden zu lassen“, sie dadurch auch vor historisierender Entschärfung zu bewahren, das ist für Gadamer Philosophieren. Oder deutlicher noch: „Mit Plato philosophieren, nicht: Plato kritisieren, ist die Aufgäbe“ – ein verwunderliches Credo, eine aufreizende These, noch vor drei Jahren wiederholt, wo doch längst schon jeder rechte Philosoph sich zuerst und zuletzt und à tout prix als Kritiker sieht.

Damit sowie mit dem Universalitäts-Anspruch seiner Hermeneutik hat Gadamer nicht nur die kritischen Rationalisten, sondern auch die marxistischen Ideologiekritiker, namentlich den schon früh von ihm geförderten Habermas, gegen sich aufgebracht (die Diskussion dazu ist in dem Suhrkamp-Band „Hermeneutik und Ideologiekritik“ von 1971 nachzulesen). Es ist freilich nicht zu leugnen, daß ein derartig hingebungsvolles Sich-in-den-Dienst-fremder-Texte-stellen bei weniger markanten Denkerpersönlichkeiten jene schrecklich weihevolle Atmosphäre in deutschen Hörsälen der fünfziger Jahre mit heraufbeschworen hat, die „Fremde“, beispielsweise Walter Kaufmann, so sehr irritierte.