Gegenüber der Wiener Oper, im großösterreichischen Verkehrsbüro, weht an einem Mast vor den Buchungsschaltern mit den Tickets in alle Welt die österreichische Fahne. Sie ist in Glas gefaßt, erstarrt bei lebhaftem Wind. Wo alle nur an ferne Länder denken, dachte der Designer Hans Hollein an Österreich.

Nicht weit von Oper und Verkehrsbüro entfernt inszenierte Horst Zankl im Burgtheater ein wenig bekanntes Stück von Arthur Schnitzler: „Komödie der Verführung.“ Schnitzlers Stücke sieht man oft in Gold gerahmt, erstarrt zum leblosen Genrebild. Wo alle Leute an Österreich denken, dachte der Bühnenbildner Hans Hollein an das Reisebüro mit Tickets in alle Welt. Arduin Prinz von Perosa feiert in einer Juninacht im Park vor seinem Schloß ein Fest: der Komödie erster Akt. Man kommt, sieht sich, stellt sich vor, beginnt mit der Konversation, trinkt Champagner. Man macht Komplimente, redet vom Geld, lieber nicht von Politik, klatscht über die Gesellschaft und dilettiert über Kunst. Um Mitternacht erscheint eine schöne, junge Gräfin. Aurélie hat versprochen, nach drei Monaten Bedenkzeit von drei Kandidaten einen zum Mann zu wählen. Contenance ist alles. Der eine Verlierer, der Dichter Ambros Doehl, sagt zum anderen Verlierer, dem Grafen Arduin: „Enttäuscht zu sein, wo wir uns nichts erhoffen, ist eine Höflichkeit, die wir dem Schicksal schuldig sind.“ Während Aurélie nach einer Regie-Anweisung „verloren lächelt“, dämmert das Fest dahin. Bei Hollein ereignet sich Arduins Fest nicht in einem Park, sondern unter einem weißen Zeltdach, durch das kaltes Licht auf einen spiegelnden Boden fällt. Im Hintergrund sieht man unter einem dunkelgrauen Himmel nicht Arduins Schloß, sondern ein Gebäude, das sonst nicht in Wien, sondern in Petersburg steht. Zur Zeit, da das Stück spielt (um 1914), war es noch ein Mädchenpensionat. Drei Jahre später, während der Oktoberrevolution, wurde es Lenins Hauptquartier: Smolny.

Für Hollein bedeutet Smolny auf der Bühne des Burgtheaters sicherlich nicht mehr als die österreichische Fahne im Reisebüro: Auch Smolny ist die Pointe eines Designers. Für Zankl wurde sie zur Verpflichtung. Vor Lenins Augen, im Angesicht der Revolution, durften Schnitzlers Figuren mit Anatol nicht mehr verwandt sein. Keine „leichtsinnigen Melancholiker“ kamen zum Fest des Prinzen, sondern Lemuren im Domino verteilten sich zu Gruppenbildern unter Holleins Zeltdach. Im Burgtheater verkündet der Revolutionär Zankl eine einfache Parole: Ablösung der Schnitzler-Lemuren!

Wenn der Morgen dämmert, es rot aufleuchtet über Smolny, und das Zeltdach von den Masten fällt, fragt Aurélie: „Wie mögen wohl die Märchen ausgehen, die nicht mit Hochzeit enden?“ Zankl antwortet: Ein Häufchen Volk huscht über die Bühne durch Arduins Park.

Schiffspassagen verkauft im österreichischen Verkehrsbüro ein Schalterangestellter neben einem Rettungsring, unter zwei herabstürzenden Vögeln, die eher Adlern als Möwen gleichen.

Am Meer spielt Schnitzlers dritter Akt. Die Wiener Gesellschaft hat sich an einen dänischen Strand begeben. Ein Opernfinale: Aurélie sieht den Freiherrn von Falkemir wieder, den sie im ersten Akt verlassen hat. Der Höhepunkt ihrer Liebe ist ein nasser Tod. Sie ertrinken, sie versinken, als hätte Wagner sie erfunden. Auch diesem Pathos begegnet Hollein mit einer Pointe: Sein Dänemark gleicht Tunesien. Die Palmen, dünne Stangen mit einem Blätterkapitell, hat er aus dem Verkehrsbüro auf die Bühne der Burg transplantiert. Und aus den herabstürzenden Greifvögeln ist ein braver Papagei geworden.

Zankl trifft Lenin. Schnitzler trifft Wagner. Hollein begegnet immer nur sich selbst. Seine Räume haben nichts mit den Menschen zu tun, die in ihnen leben. Leer sehen sie am schönsten aus. Design ist keine Kunstform des Theaters.