Nach Sacharow ist nun offenbar Lew Kopelew dran: Der russische Schriftsteller, der neun Jahre in Stalins Lagern zugebracht hat, ehe er 1956 rehabilitiert wurde, ist in einer Moskauer Zeitung scharf angegriffen worden. Kopelew, der seit Jahren für Verfemte eintritt, gehörte zu den sechzehn Intellektuellen und Künstlern, die einen offiziellen Protest gegen die „Umsiedlung“ Sacharows verfaßt hatten. Er hasse sein Heimatland, so heißt es dort in jener Zeitung neben anderen Verleumdungen, und er sei ein Möchte-gern-Literat. Die Wahrheit ist: Lew Kopelew liebt seine Heimat mit einer Inbrunst, die man bei uns kaum je noch findet, und er ist ein umfassend gebildeter Hamme de Lettres, ein vielseitiger Schriftsteller.

Ehe ich Lew Kopelew vor Jahren kennenlernte, wußte ich nicht, wie vielfältig die geistigen Beziehungen zwischen den Schriftstellern und Dichtern Deutschlands und Rußlands gewesen sind und wie weit sie in die Geschichte zurückreichen – von den Tagen der Aufklärer des 18. Jahrhunderts bis zu Gerhart Hauptmann, dessen erste Ausgaben gesammelter Dramen in Moskau und Petersburg in russischer Sprache erschienen, lange ehe in Berlin eine solche auf deutsch zustande kam. Kopelew hat viele deutsche Schriftsteller – von Goethe bis zu Heinrich Böll und Anna Seghers – übersetzt und für die russischen Leser kommentiert. Er ist ein idealer Mittler zwischen den beiden Kulturen.

Es gibt eine merkwürdige Dialektik zwischen Macht und Ohnmacht. Sie bewirkt, daß die Mächtigen zur Stabilisierung ihrer Macht zu Mitteln greifen, die gerade das Gegenteil provozieren und die dem Ohnmächtigen eine große Souveränität und unbeirrbaren Mut verleihen. In einem Brief Kopelews, den er mir einmal schrieb, wird dies sehr deutlich: „Ich bin nur meinem eigenen Gewissen verantwortlich. Ich gehöre zu keiner Partei, auch nicht zu den Dissidenten. Ich glaube nicht mehr an charismatische Verheißungen. Mein Imperativ lautet, so zu handeln, daß man sich nie mehr seiner Taten und Reden zu schämen braucht.“ Dff.