Alle reden vom Öl – auch die Tarifpartner. Die enormen Ölpreissteigerungen der letzten Monate spielen eine Hauptrolle beim diesjährigen Gerangel um höhere Löhne und Gehälter – in der Bundesrepublik ebenso wie in unseren Nachbarländern. Wie haben sich die Tarifparteien hier wie dort auf die Situation eingestellt?

Die immense Verteuerung unserer Hauptenergiequelle hat die Inflationsraten in fast allen Industriestaaten wieder kräftig nach oben getrieben, die Wachstumserwartungen gedämpft und insgesamt die künftigen wirtschaftlichen Aussichten getrübt. In der Bundesrepublik sind die Gewerkschaften erstmals seit fünf Jahren mit einer Forderung um zehn Prozent in die Tarifrunde 1980 gegangen.

Das Ergebnis der Verhandlungen steht noch in den Sternen. Für die einen ist die Schallmauer die „Sechs“, für die anderen wohl eher die „Sieben“ oder gar mehr. Auf jeden Fall sind in der Bundesrepublik die Tarifpartner – auf sich allein angewiesen. Und darauf legen sie auch großen Wert, denn Tarifautonomie gehört zu den ehernen Grundsätzen unserer Gesellschaftsordnung. Und wenn ein Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff dieses Prinzip zu verletzen scheint, ist die Entrüstung auf beiden Seiten groß.

In anderen Ländern ist man längst nicht so pingelig. Ganz ungeniert sitzt dort oft der Staat mit am Verhandlungstisch. In den Niederlanden zum Beispiel hat die Regierung Mitte Januar sogar einen auf zunächst zwei Monate begrenzten Lohnstopp verordnet. Und sie will diese „Atempause“ möglicherweise gar verlängern, wenn die wirtschaftlichen Aussichten dann noch immer grau in grau scheinen. Bis dahin gibt es erst einmal für die Arbeitnehmer nur den Inflationsausgleich – mehr nicht.

Solche oder ähnliche Indexregelungen haben die meisten unserer Nachbarstaaten: Dänemark, Belgien und Frankreich, aber auch die Schweiz and Italien kennen die tarifvertraglich festgelegte automatische Anpassung der Arbeitnehmereinkommen an die Inflationsrate.

Auch in Schweden streben die Gewerkschaften in diesem Jahr ähnliche Vereinbarungen an. Bisher gibt es in ihren Tarifverträgen, die zuletzt über zwei Jahre liefen, lediglich eine Klausel, die die Tarifpartner wieder an den Verhandlungstisch zwingt, sobald die Teuerungsrate eine bestimmte Marke überschritten hat. Allerdings, so meinen politische Beobachter, wird sich in Sachen Löhnen in Schweden so lange nichts tun, bis das Ergebnis der für Ende März angesetzten Volksabstimmung über die Kernkraft nicht feststeht. Der schwedische Ministerpräsident Bohmann hält von dem Indexsystem zudem sehr wenig. Er fürchtet, daß es die Inflationsspirale erst richtig in Gang bringen könnte.

Ähnliche Bedenken hat inzwischen auch die italienische Regierung, die das automatische Anpassungssystem gern entschärfen möchte, indem die Preise für Erdölprodukte ausgeklammert bleiben. Doch mit solchen Vorschlägen beißen die Abgeordneten des Kabinetts Cossiga bei den Gewerkschaften auf Granit. Sie wollen an den alten Gewohnheiten festhalten, alle zwei Jahre für die jeweilige Branche und im Jahr dazwischen auf der betrieblichen Ebene Lohnanhebungen durchzusetzen.