Die Bühne – eine Eisbahn. Die Schauspieler fahren Schlittschuh. Wenn das aus der DDR „beurlaubte“ Regisseurs-Duo Manfred Karge/Matthias Langhoff auf der Trainerbank sitzt, wird hart gearbeitet: Über einen auf die Bühne gekippten Doppelzentner Kartoffeln mußte 1978 die Mannschaft des Deutschen Schauspielhauses Hamburg im „Prinzen von Homburg“ stolpern. Zur Uraufführung von Thomas Braschs kleiner Szenenfolge „Lieber Georg“ ist die Bühne der Kammerspiele in Bochum mit einer Plastikhaut bespannt – Kunsteis für „Ein Eis-Kunst-Läufer-Drama aus dem Vorkrieg“, wie der 1945 geborene, 1976 aus der DDR in den Westen gekommene Autor sein Spiel im Untertitel nennt.

Das um Schüler(innen) als Eis-Läufer und -Tänzer verstärkte Ensemble, allen voran der Co-Regisseur Manfred Karge in der Titelrolle des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912), flitzt olympiareif über die Eisbühne. Aus einem Künstler-Drama vom tragischen Tod des vierundzwanzigjährigen Heym, der am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee in der Havel ertrank, wird eine wirbelnde, mit Jubel aufgenommene Eis-Revue.

Viel Holiday-on-Ice-Geglitzer: das Tschingdarassabum eines Bochumer Knappenorchesters in voller Montur; alte Schlager, die der im Frack das Pianoforte bedienende Erwin Bootz von den „Comedian Harmonists“ in die Tasten drückt; durch das Glasdach über der Eisfläche bricht ein „Ballonflieger“ in der schwarzen Lederkluft aus den Anfängen der Himmels-Stürmerei; zwei Rot-Kreuz-Mäuschen, die zwar Schlittschuhe, unter durchsichtigen Schwestern-Kitteln sonst aber nichts anhaben, nähen dem stotternden Dichter die Zunge wieder an, die ihm chinesische Revoluzzer abgesäbelt haben. Bei so viel Futter für Aug’ und Ohr werden – höhere Partien des Kopfes kaum beschäftigt.

Das ist deshalb erstaunlich, weil auch wiederholtes Lesen der ganzen siebzehn Taschenbuchseiten der Spielvorlage das Dunkel kaum lichtet, in das Brasch seinen Text taucht.

Seinen Text? Manche Sätze, manche Bilder meint man zu kennen. „Das Böse ist senil“, ruft der Bühnen-Heym dem an seinem Ballon zappelnden Luftschiffer zu. Der Satz findet sich in Heyms Tagebuch als Eintragung „Mitte November 1911: Entdeckung im Gespräch mit Erika Sch... dem Satan. Das Böse ist senil.“ Und der „Ballonfahrer“ selber, wie kommt er in Braschs Personal? Erfindung des Dramatikers oder Übernahme des seine Träume aufschreibenden Heym? Der notiert als Traum vom 20. November 1910: „Eine Waldlandschaft, verschneit, ein winterlicher See... Plötzlich habe ich ein eigentümliches Gefühl. Ich sehe empor. Und sehe einen Luftballon in rasender Fahrt über die Baumkronen streifen. Über der Gondel, in den Stricken, hängt ein Mann ... Das große Auge eines Wahnsinnigen. Er ist ungefähr doppelt so groß wie der Ballon und führt furchtbare Sprünge und Tänze an den Seilen aus.“

Ist man einmal fündig geworden, liest man auch andere Texte von Brasch mit den Augen eines Literatur-Detektivs. Das Bild von der „zwischen den Büchern“ liegenden Frau in Braschs Stück „Der Papiertiger“ (1976 in Austin/Texas uraufgeführt) scheint seinen Keim zu haben in der Notiz, die Heym am 24. März 1911 im Lesesaal des Kaufhauses des Westens dem Tagebuch anvertraut: „Zur Zeit sitze ich hier an einem Schreibtisch. Hinter meinem Rücken die geliebte Fiorenza, die die Besucher der Bibliothek bedient.“ Im „Lieben Georg“ wird das Bild, ganz im Stil des in pubertären Phantasien schwelgenden Tagebuchs, ausgemalt; Heym tröstet sich über mangelndes Liebesglück mit Träumen vom Dichterruhm: „Ich setz die Mädchen zwischen die Bücher. Meine Bücher im KADEWE. Das weiße Fleisch duftend in den Staub der Jahrtausende, die glatten heißen Brüste zwischen die raschelnden Gedanken, die feuchten Schamlippen zwischen all die Buchstaben.“

Aus Braschs wildem, zu immer neuen Bildern hetzendem Stil in seinen Stücken („Lovely Rita“, „Rotter“) war immer schon ein Echo der expressionistischen Poesie zu hören. Die Text-Montage „Lieber Georg“ ist ein weiteres Zeugnis dieser Tradition. Nannte Brasch sein erstes Buch, den 1977 erschienenen Erzählungsband: „Vor den Vätern sterben die Söhne“, so läßt er, in einer grotesken Szene („Ödipus in Charlottenburg“), den Dichter Heym, der seinen Vater Huckepack tragen muß, unter der (nicht nur physischen) Last des Patriarchen keuchen: „Klar, der Klammeraffe hier, der überlebt mich.“